Franz Szabo
März 2008
Ich kenne keine anderen Musikfeste, als Psalm und Styriarte in Graz, deren Verwirklicher – Mathis Huber, Thomas Höft und ihr Team – programmatische Tiefe mit anspruchsvoller Musikauswahl derart kongenial verbinden. Besonders zu Ostern, dem Fest des Auferstehens und Wiedererwachens der Natur, scheint Nachdenken über die Fundamente unserer Existenz angebracht – bei der Psalm 2008 in hervorragender Weise realisiert. Von drei Konzerten, die ich besuchte, soll hier berichtet werden:
»Tenebrae II«, Graz, Heilandskirche, 19. März 2008
Starke Frauen
Die drei Tenebrae-Abendkonzerte standen unter dem Motto »Starke Frauen«. Das Zweite in der evangelischen Heilandskirche – vor schlichtem Rosa-Grau der Architektur, mit weißen Lilien betupft – ließ die starken Frauen Pauline Riesel-Soumaré aus Senegal und Vera Walchensteiner aus Prag im Zwiegespräch mit Thomas Höft zu Wort kommen. Das Thema »Zuwanderung, Integration und die beschämende Haltung Österreichs« zeichneten sie aus der Perspektive einer afrikanischen Germanistin, die einst zum Studium nach Österreich eingeladen wurde und jetzt Grazer Integrationsprojekte koordiniert sowie einer 1968 vor den Russen Geflohenen, die nun in Österreich als Lehrerin unterrichtet, zwei kosovarische Schülerinnen nach deren Abschiebung wieder zurückholte und zur Beendigung der Schulausbildung bei sich aufnahm. Zwei Menschenbilder, die zeigen, wie man ohne österreichtypische Obrigkeitshörigkeit, gegen viele Widerstände, erfolgreich seine persönlichen Grundsätze und Menschenrechte interpretieren, vertreten und verwirklichen kann. Der Succus zum nach Hause nehmen und Nachdenken: Im anderen Land mit gleichen Rechten und ohne Furcht leben dürfen, wenn man sich der Gesellschaft und ihren Regeln anpasst. (Wie es der Autor dieser Zeilen, als damalige Selbstverständlichkeit, im Alter von 16 Jahren in den USA erleben durfte...)
Sechs Damen der Grazer Choralschola unter der Leitung Franz Karl Praßls ließen ihre Stimmen dazu in schlichter gregorianischer Klagebewegung kreisen, wie wenn sich das Unglück der Menschen immer nur einen Schritt weiter schleppte: Ewiges Unglück des Fremd- und Vertriebenseins, das bereits der alttestamentarische Psalm 69 beklagt und dessen eindringliche Sprache der Verzweiflung heute so aktuell ist wie vor tausenden Jahren: Gott, hilf mir; denn das Wasser gehet mir bis an die Seele., Ich habe mich müde geschrieen, mein Hals ist heiser. und Ich aber bin elend, und mir ist wehe.. Zuvor eröffnete die getragene Schönheit dreier Violoncelli und einer Orgel das nächtliche Konzert mit dem Andante einer Sonate von Georg Christoph Wagenseil.
Finstermetten hießen einst Kirchenmusiken der Karwoche zu Psalmentexten, im Speziellen zu den Klagen des Propheten Jeremiah über die Vernichtung Jerusalems. Kerze für Kerze wurde dabei das Licht in der Kirche gelöscht. Eine der bewegendsten Vertonungen, Office des Tenebres de la Semaine Sainte, stammt von Francois Couperin. Auch Joseph-Hector Fiocco, ein belgischer Komponist venezianischer Abstammung, widmete diesem Thema Kompositionen, die »Lecons des ténèbres«. Seine persönliche Tonsprache vereint den französischen Stil der Gesangsstimme mit italienischen Elementen der Instrumentalstimmen zu reizvollem Gesamtklang. An diesem Abend sang Veronika Winter sie kunstvoll schlicht mit Herzenswärme, von den drei Cellisten Rudolf Leopold, Andrea Molnar und Thomas Platzgummer einfühlsam in barocken Wohlklang gehüllt, wie wenn man einem Flüchtenden die Wärme und Sicherheit eines Mantels spendet. Abwechslungsreiche Melodik und markante Rhythmen, sowohl im Continuo, wie in den solistischen Passagen, bescherten fließenden Duktus der Musik, deren malerische Leichtigkeit das Leiden verklärte – ganz im Kontrast zu Couperin, dessen Tonsprache gnadenlos, bis zur Vernichtung menschlicher Existenz, zu tiefsten Urgründen hinabschreitet.
Das Konzert bot die perfekte Umsetzung eines ethisch und politisch aktuellen Ideenkonzeptes gepaart mit barockem Musikgenuss und biblischen Klagetexten, die zeigen, dass die Menschheit anscheinend aus ihrer Geschichte nicht lernen kann, aber dass die/der Einzelne sich im persönlichen Umfeld gegen Ungerechtigkeit und Benachteiligung erfolgreich zu stemmen vermag – wie Heimito von Doderer einst formulierte: Wie der Baumstrunk im reißenden Fluss sich gegen die Strömung stemmt, sollte unser Lebensinhalt sein.
»Mevlud«, Graz, Helmut-List-Halle, 20. März 2008
Drei Geburten
Drei außergewöhnliche Geburten wurden nach einer Idee von Dzevad Karahasan zum Thema dieses wunderbaren Konzertes: Die des Dionysos, von Jesus Christus und des Propheten Mohammed. Thomas Höft formte mit einfühlsamen Lesungen aus griechischer Mythologie, dem apokryphen Jakobus-Evangelium und Muhammed Ibn Ishâqs »Leben des Propheten« den kostbaren Textrahmen für die Musikdarbietungen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Vor der Pause zu Dionysos fesselten archaische griechische Klänge in modernen Rekonstruktionen, mitreißend gespielt und gesungen vom Ensemble Daemonia Nymphe. Eine wundersame Klangwelt aus rhythmischem Sprechgesang, von Urklängen aus der Stille, die zum bacchantischen Ausbruch mutierten, bis zum Heulen der Furien, angetrieben von der Wucht der Perkussion. Besonders reizvoll auch eine moderne Komposition, auf einer Lyra aus einem Schildkrötenpanzer, mit einem hölzernen Plektrum modelliert. Die Sängerinnen wallend weiß gewandet, ihre Augenpartie hinter einer Halbmaske versteckt, zwar durch Anonymität stilisiert, doch gleichzeitig belebt vom Kontrast des bewegten Mundes zur Leblosigkeit der Maske.
Die Geburt Christi und das Lob Mariae wurden begleitet von altsyrisch-aramäischer, arabo-byzantinischer und hochmittelalterlicher Sakralmusik unter der Leitung und Perkussion von Vladimir Ivanoff, dessen Kulturgrenzen überschreitendes Musizieren Psalm und Styriarte bereits viele unvergessliche Konzerterlebnisse beschert hat. Mit besonderem Reiz bezauberte an diesem Abend die Gegenüberstellung der beiden Sängerinnenpersönlichkeiten das Publikum, sowohl in visueller, wie in stimmlicher Hinsicht. Miriam Andersén – noch unvergesslich von ihrem vorjährigen Vortrag der Liederepen der Wikinger – stand gertenschlank, als nordisch herbe Schönheit mit weißblondem langen Haar, vokal mit kristallklar intensiver Sopranstimme beschenkt, der Libanesin Fadia El-Hage gegenüber. Diese, mit brünetter Lockenpracht über samtenem Gesicht und femininer Ausstrahlung, vermittelte orientalische Sanftmut, gekrönt von einem kultivierten Mezzosopran voll vitaler, intimer und zärtlicher Gesangskunst.
Die außergewöhnlichen Umstände von Mohammeds Geburt wurde anschließend vor einem türkischen Tongemälde, mit den für diesen Kulturkreis so typischen Rhythmen und orientalischen Instrumentalfarben, präsentiert, die seit Jahrhunderten europäische Komponisten und Zuhörer fasziniert haben. Mustafa Dogan Dikmen formte klagend nasalen Gesang zu Kunstgebilden verzögernder und wieder beschleunigender Tonfolgen, begleitet von seinen Virtuosenfreunden auf schief gehaltener Rohrflöte, Zither und der mit dem Bogen gestrichenen Kurzhalslaute (Ney, Kanun und Kemence). Großartig! Und noch einmal spannender, als Andersén und El-Hage ihre Stimmen zum Finale kunstvoll einbrachten. Das Publikum dankte mit ehrlicher Begeisterung für einen unvergesslich bleibenden Musikabend, der unterschiedliche Kulturen einander viel näher brachte, als tagespolitische Hetze sie auseinander dividiert.
»Esther«, Graz, Helmut-List-Halle, 21. März 2008
Purim
Bei einem Oratorium namens Esther denkt man natürlich sofort an Händel, doch dieses todernste Thema wurde auch von einem Wiener Komponisten vertont, von Christian Joseph Lidarti, und zwar in hebräischer Sprache, in einer Übersetzung von Händels englischem Textbuch. Die Partitur entstand 1744 in Pisa und landete bei der großen jüdisch-portugiesischen Gemeinde in Amsterdam, wo das Werk im italienischen Rokoko den Gipfel hebräischer Kunstmusik des 18. Jahrhunderts erreichte. Esther, die jüdische Gemahlin des Perserkönigs Ahasveros, rettet durch Fürbitte das Leben aller Juden im persischen Reich, die der Minister Haman vernichten will. Purim, der Tag der Rettung, wird mit einem Festmahl, Geschenken sowie Spenden für die Armen gefeiert. Typisch für dieses Fest sind kleine, mit süßer Fülle gebackene, dreieckige Teigtaschen, die Hamantaschen, welche die abgeschnittenen Ohren des Bösewichts symbolisieren. Eine traditionelle persisch-antike Strafe für Übeltäter, der meist auch die Nase zum Opfer fiel. Die Besucher dieses Psalm-Konzertes durften die kleinen Köstlichkeiten mit feinem Walnussaroma zur Musik verspeisen, nur wenigen dürfte zuvor ihr symbolischer Gehalt bekannt gewesen sein.
Einzigartig gestaltete sich an diesem mitreißenden Abend in der Helmut-List-Halle die Form der Aufführung: Nicht Lidartis elaborate Originalfassung mit großer Orchesterbesetzung wurde gespielt, sondern eine, die das Ensemble »Le Tendre Amour« auf Kammermusikgröße verkleinerte und in den Rahmen karnevalistischer Fröhlichkeit des Purimfestes nach der Tradition der Commedia dellArte übertrug. Es spricht für die Feinfühligkeit der Inszenierung, dass die Fröhlichkeit zu so einem ernsten Thema fernab jeglicher Peinlichkeiten ihre mitreißende Erfüllung fand. Die Leistung lag vor allem am großartigen Erzähler und Sänger Adrián Schwarzstein, der nicht nur als Harlekin und Narrator, sondern auch als Bösewicht, Hohepriester und König überzeugte. Hohes Tempo der Emotionen ließ nie Langweile aufkommen, die Stimmungen wechselten blitzartig vom Lachen zur Verzweiflung, vom Todeshauch der Selektion in Konzentrationslagern bis zu Glück und Begeisterung über die Errettung. Memorabel, wie der König der kokett ausweichenden Esther nachlief, um dann krachend von der Bühne zu fliegen, wie er mit herzhafter Gestik die üppige Form ihres Derrières modellierte oder als maskierter Bösewicht durchs Publikum schlich, mit langer schwarzer Nase pointiert auf seine Opfer deutend. Großartig auch die spanische Sopranistin María Hinojosa als israelitische Frau und Königin, stimmlich und schauspielerisch blendend disponiert. Und ja nicht vergessen darf man die rustikal so ansprechend kostümierten Instrumentalisten, allen voran der Barockgeiger Helmut Riebl, der nicht nur mit seinen Soli begeisterte, sondern verbissen schulmeisternd die deutsche Aussprache des italienisch radebrechenden Harlekins ausbesserte. Musikalisch erinnerte mich Lidartis Melodik manchmal an die kindliche Musizierfreude von Jakub Jan Rybas Weihnachtsoratorium, meisterlich verbrämt mit reizvollen solistischen und dramatischen Einlagen. Ein großer Abend, bei dem die jugendlichen und kindlichen Besucher genauso begeistert ihre Ratschen drohend dröhnen ließen, wie die Erwachsenen, wenn der Name des Bösewichtes Haman auf der Bühne erklang.
Fazit:
Die Grazer Psalm-Konzerte zu Ostern haben heuer wieder einen thematisch und künstlerisch höchst anspruchsvollen Gipfelsieg erlangt, den das Publikum unbedingt durch Steigerung der Kartenverkäufe feiern sollte und müsste, um ihr weiteres Bestehen auf Dauer zu garantieren.
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