Franz Szabo
September 2008
Diesen Bericht widme ich Sidi und Günther Duftschmid, den Eltern von Lorenz Duftschmid, die heuer erstmals aus gesundheitlichen Gründen die wunderbaren Konzerte nicht besuchen konnten. Ohne ihre Liebe zur Musik wäre Lorenz Duftschmid heute vielleicht nicht der große Musiker und Krieglach nicht Schauplatz eines der schönsten Festivals Alter Musik.
»Pastor Fido«, Collegium Pro Musica, Petra Gack, Michael Schweizer, Les Haulz et les Bas, Theater R.A.B., Schlosspark Feistritz, 31. August 2008
Fruchtbeladener Goldherbst, Krieglach mit sauberem Glanz, Schloss Feistritz in verwunschener Schönheit, das ist die Bühne für das alljährliche Eröffnungskonzert, nein, besser Eröffnungsfest, der Woche der Alten Musik. Bei angenehmen Wetterverhältnissen, gänzlich ohne Regenängste, zwischen Wolken und Sonnenschein, durchwanderten hunderte Besucher den Schlosspark und erlebten an diversen Spielorten bezaubernde Darbietungen. Es begann unmittelbar vor dem Schloss: Niels Badenhop im historischen Kostüm begrüßte die Zuschauer mit unnachahmlicher, höfischer Eleganz der Diktion. Das Collegium Pro Musica, unter der Leitung des Blockflötisten Stefano Bagliano, spielte Sonaten von Antonio Vivaldi aus der Sammlung Il Pastor Fido, pour la Musette, Viele, Flute, Hautbois ou Violon. Zuerst voll verhangener Lyrik, den melancholischen Wolkenhimmel quasi spiegelnd, dann mit hellerem Flötenklang die Sonnenstrahlen grüßend.
Zum großen Teich hinunter führte der Weg danach. Dort querte Michael Schweizer mit dem Boot das stille Wasser und spielte auf dem Sopransaxophon Variationen über La Follia. Mit kristallener Klarheit spiegelte die Wasseroberfläche den durchdringenden Klang des Instruments, außer Schweizer präsentierte gerade seine neue Variante der Wassermusik, indem er gurgelnd in den Teich hineinspielte, um deren Karpfen auch an der mitreißenden Musik teilhaben zu lassen. Da die begeisterten Zuhörer nicht genug bekamen, als er das Boot verließ und an Land weiter spielte, scheuchte er sie mit herben Klangstößen zum nächsten Spielort. Unter einem der schönsten und ältesten Bäume des Parks wartete Petra Gack und erzählte das Märchen von der Weidenflöte. Eine romantische Herz-Schmerz-Geschichte von Liebe und Verführung, Musik und Natur, braven Leuten und bösen Hexen, mit einem – natürlich – guten Ende! Allerdings kann das Verb erzählte nicht im geringsten widerspiegeln, welchen Märchenkosmos die Schauspielerin den gebannten Zuhörern präsentierte. Mit Cello- und Flötenklängen, vom Gesang der Drossel bis zum Lied der verzauberten Tochter, vom Absägen der Weidenäste bis zum Trappeln der Pferdehufe, strich, pfiff, klopfte, schnaubte und schabte sie. Klanguntermalte mit variabler Stimmkunst alle Charaktere des Märchens, besonders beeindruckend die Bosheit der Hexe auskostend, die versteinerte Härte des reichen Gutsbesitzers und die jugendliche Naivität des Flöte schnitzenden und spielenden Hirten.
Den begeistert Applaudierenden zogen die Schauspieler des Theaters R.A.B. in der Maske skurriler Vögel schließlich die Bänke weg und trugen diese zum nächsten und letzten Spielort vor dem Kapellenturm. Schon zuvor hatten sie unter unterschiedlichen Tiermasken die Besucher entzückt. Mit bezaubernder Körpersprache zur Begrüßung Sekt gereicht, die noch schlafende Petra Gack, als Rehe verkleidet, beschnuppert und geweckt, waren Widder- und Wildschwein-drohend über die Fluren des Schlossparks gewandert. Vor dem düsteren Tor des Turms führte nun das Ensemble »Les Haulz et le Bas« mit Schalmeien und Dudelsäcken in vergangene Zeiten vom Mittelalter bis zur Renaissance, nach Italien, Galizien, Niederlande und Frankreich. Gesine Bänfer und Ian Harrison verzauberten mit Tänzen und Melodien unbekannter und bekannter Komponisten, darunter Guilleaume de Marchaut und Guilleaume du Faye, sei es virtuos auf der herben Schalmei mit Doppelblatt intoniert, oder auf den Dudelsäcken, die quasi ihre eigene Bassbegleitung spielten, zu mitreißendem Leben erweckt.
Nach dankbarem Applaus für alle Mitwirkenden durfte der kulinarische Teil des Programmes beginnen. Die Märchenfiguren des Theaters R.A.B. leiteten, Messer und Gabel schwingend, alle Hungrigen zum duftenden Lammbraten vom Spieß, zu gekochten und rohen Schinkenvariationen, zu warmen und kalten Gemüseverführungen, zu knusprigem Weißbrot, zu rotem und weißen Wein. Auf so viel Genuss strahlte die Sonne des Mürztals begeistert herab und wärmte die unzähligen Wiedersehen und freudigen Gespräche. Ein Fest eben, wie es nur wenige gibt – danke! ...vor allem auch den unzähligen freiwilligen Helfern, ohne deren Einsatz all diese Freuden niemals möglich wären...
»Style Brisé«, Lorenz Duftschmid, Schloss Feistritz, 1. 9. 2008
Mit einem wuchtigen Soldiers March des Captain Tobias Hume begrüßte Lorenz Duftschmid die Besucher seines Soloabends im Festsaal von Schloss Feistritz – nicht zuletzt dem Gemälde der Schlacht von Waterloo zu seiner Linken musikalischen Tribut zollend. Auf einer Bassgambe von Nicola Bertrand aus dem Jahr 1699 – den Besuchern seiner Konzerte wegen ihres herrlichen Klangcharakters wohl bekannt – stürzte er sich mit explosiver Expressivität in die widerborstige Welt des Antoine Forqueray. So widerborstig, dass die Gambe eine Zeit benötigte, um sich an die feuchte Luft im Saal zu akkomodieren und den wahnwitzigen technischen Ansprüchen ihres Meisters zu gehorchen. Doch ab dem vierten Stück schnurrte der 7-Zylinder wie ein Kätzchen, um einmal mit Autofahrerjargon Abwechslung in musikkritische Formulierungen zu bringen.
Forquerays Klangwelten scheuten keinerlei Konflikt mit Hergebrachtem. Die Anforderungen an den Solisten gleichen einem Teufelsritt über die Klippen technischer Unmöglichkeiten; welchen kongenialeren Interpreten könnten sie sich wünschen als den steirischen Gambenstar? So zu hören bei einer Chaconne im 4/4-Takt, den Genrestücken La Mandoline oder La Regente. Das Abheben des Bogens, um Resonanzen erklingen zu lassen, mehrere Melodien gleichzeitig zum Klingen zu bringen, deren Bruchstücke sich erst im Kopf des Hörers zusammen setzen und improvisatorischer Verzierungsreichtum sind alles Kennzeichen des Style Brisé, einer von französischer Lautenmusik geprägten Stilrichtung. Eine kleine Zäsur, die Forquerays bizarre Kompositionen noch mehr zum Funkeln brachte, lieferten die schwermütigen Tanzweisen von La Russe, einer Komposition des zu Unrecht nur Insidern bekannten Louis De Caix dHervelois, ein hervorragender Schüler Marin Marais.
Die Pause bescherte nicht nur Brot und Wein im nächtlichen Schlossgarten, sondern auch ein barockes Feuerwerk, dessen Funkenkaskaden wie ein visuelle Hommage an die ebenso flammende Musik wirkten. Danach führte Duftschmid an die friedlicheren, aber nicht weniger virtuosen Musikgestade des Marin Marais, einst Gambist im Orchester von Jean-Baptiste Lully, der zusammen mit Moliére eine der großartigsten Musikperioden der Geschichte am Hofe des Sonnenkönigs geprägt hat. Bei La Revense, Arabeske und Le Follie dEspagne durfte sich Virtuoses mit Tänzerischem und einschmeichelnden Klängen vermählen, die Gambe blühte unter den Händen des Solisten zur Klangpracht, die an den Duft Alter Englischer Rosen erinnerte. Das kostbare Instrument erklang, wie beschützt vom intimen Charakter des Saales, erleuchtet von den flackernden Kerzen in den Fensternischen – ein Ambiente von seltener Harmonie, das die Zuhörer derart in den Bann schlug, dass die üblichen Störgeräusche gänzlich verstummten und nur die Musik sprach. Ihren Zauber intensivierte Lorenz Duftschmid mit seinen berührend intim gespielten Zugaben, beschloss den Abend mit Le grand ballett von Marais und entließ die Besucher schließlich, und leider endgültig, mit dessen Musette in die kühle Nacht. Dort stand man dann, beinahe wie verloren, und lauschte der so tief eingebrannten Musik barocker Glorie nach.
»Decamerone«, Dieter Röschel, Josef Lichtenegger, Michael Oman, Festsaal des Gasthofes Rothwangl, 2. 9. 2008
In die florentinische Gartenlandschaft des 14. Jahrhunderts entführte der Krieglacher Polyhistor, Dr. Dieter Röschel, seine begeisterten Zuhörer. Doch nicht Renaissance-Idylle war der Anlass für Giovanni Boccaccios Novellensammlung – eines der größten Werke der Weltliteratur – sondern der Ausbruch der Pest, vor der einige adelige Damen und Herren auf ein sicheres Landgut flohen und sich die Zeit mit dem Erzählen von 100 Geschichten vertrieben. Deren zehn erzählte Röschel, natürlich in gekürzter Form, mit fesselndem emotionalem Engagement. Jede Einzelne wurde gefolgt von italienisch/englischer Flötenmusik für zwei Instrumente aus dem 16. oder 17. Jahrhundert. Derart woben der Vorleser und die Musiker einen blühenden Teppich menschlicher Leidenschaften, der keine Höhen oder Tiefen der Beziehung zwischen Mann und Frau, keine menschliche Schwäche oder grausamen Starrsinn ausließ. Sei es die Äbtissin, die, mit den Hosen ihres Geliebten am Kopfe, einer Nonne ihres Klosters eine Moralpredigt halten wollte, oder die verzweifelte Tochter, die den blutigen Gifttrank aus dem Pokal mit dem herausgeschnittenen Herzen ihres Geliebten trank, weil ihr Vater ihn als nicht standesgemäß meuchelmorden ließ. Ein vertrockneter Richter, der seine schöne junge Frau an einen Seeräuber verliert, weil er sie nicht zu befriedigen vermag, ein gebratener Kranich mit nur einem Bein, weil kurz vor dem Servieren der Koch das zweite seiner Geliebten schenkt und ein allzu männlicher Teufel, der nichts anderes im Sinne hat, als in die süße Hölle der jungen Dame eindringen zu dürfen, um Gott gefällig zu sein.
Neben anonymen Grounds und Fantasien spielten Michael Oman und Dr. Josef Lichtenegger dazu Werke von Thomas Morley, William White, Christopher Gibbons, Giovanni Giacomo Gastoldi, Gioseffe Giamberti und Jaques Hotteterre. Michael Omans Flötenkunst ist hinlänglich bekannt, es bereitet größtes Vergnügen, seinem emotional beseelten, technisch und klanglich perfekten Spiel lauschen zu dürfen. Wie erfolgreich die Kurse sind, die er seit vielen Jahren im Rahmen der Internationalen Woche der Alten Musik in Krieglach hält, zeigt das Beispiel seines Schülers Lichtenegger, dessen musikalische Karriere nunmehr endgültig vom Studiosus zu den Höhen eines professionellen Flötisten geführt hat, der Vergleiche mit anderen Künstlern nicht mehr zu scheuen braucht. Es war wunderbar zu sehen und vor allem zu hören, mit welcher Spielfreude die beiden künstlerisch und persönlich miteinander harmonierten und sich in dieses anspruchsvolle und lange Programm auch nicht die allergeringste klangliche Meinungsverschiedenheit einschlich.
Das Publikum jubelte seinen Lokalmatadoren begeistert zu und entlockte ihnen eine 11. Geschichte von einem schlagfertigen Pfarrer, dessen Reliquien gestohlen wurden und welchen Nutzen er bei der Predigt aus dieser unangenehmen Überraschung zu ziehen verstand. Dann erklangen noch einmal die Flöten und Oman ließ seine fulminante Virtuosität beim Jubilieren einer Vogelstimme funkeln, bevor der kulinarisch gesellschaftliche Teil des Abends alle Freunde bei Wein und Sandwiches mit der Lautstärke eines Symphonieorchesters fröhlich vereinte.
»Fandango«, Rolf Lislevand Ensemble, Pfarrkirche St. Kathrein am Hauenstein, 3. 9. 2008
Man kann ein Steak rosa braten und mit ein wenig Meersalz und gutem Pfeffer würzen, man kann es aber auch durchbraten bis es zäh wird und unter Ketchup, Grillsauce, Chutney und Tabasco begraben. Dieser Vergleich drängte sich mir während der ersten 20 Minuten dieses Konzertes auf, die mir derart den Appetit verdarben, dass ich auch die folgenden Teile nicht mehr unbelastet genießen konnte. Es waren mehrere Faktoren, die meinen persönlichen Musikgenuss – die meisten Zuhörer waren von dem Konzert begeistert – beeinträchtigten. Zuerst einmal die Klangverstärkung, die zum Charakter der Originalinstrumente, besser ihrer hochklassigen Nachbauten, wie Barockgitarre, Laute oder Theorbe überhaupt nicht passte. Der blühende Reichtum ausgefuchster Klangerzeugung – man verzeihe den technischen Jargon, beim Klavier könnte man einfach von Anschlagskultur sprechen –, der das singuläre Spiel von Rolf Lislevand ausmacht, geriet dadurch unter die Räder der Elektronik, die leider auch Nebengeräusche zu einer Wichtigkeit erhebt, die der Hörapparat sonst wegfiltert. René Clemencic hat uns einmal gewarnt, beim Anhören seiner Clavichord-Einspielungen auf CD, den Lautstärkeregler aufzudrehen. Ganz im Gegenteil, man müsse sich langsam an den niedrigen Hörpegel gewöhnen, um den Charakter der Musik zu würdigen. Hopkinson Smith hat im großen Kolomanisaal in Melk Bachs Sonaten und Partiten für Violine solo auf einer Laute gespielt, ohne im Geringsten lauter zu spielen, als im intimen kleinen Barockpavillon.
Das Konzert in Peter Rosseggers Lieblingskirche, sie befindet sich allerdings nicht mehr in dem Zustand, den er kannte, begann also mit italienischer Musik vom Anfang des 17. Jahrhunderts, als in Florenz die Strömung der Nuove musiche das musikalische Leben revolutionierte: Kapsberger, Frescobaldi, Piccinini und Gianoncelli waren die Komponisten, Toccata, Corrente, Canarios und Chacona die Stücke. Verkitschte Klangeffekte, wie Glöckchengeriesel oder Muschelrascheln raubten ihren Charakter, alles wirkte verweichlicht, wie in Watte gehüllt. Das Kolorit von Marco Ambrosinis Schlüsselharfe überzog die Musik mit einer rosa Punschglasur, jede Komposition endete in ähnlichem Klangbrei. Auch die Klangfarben von Schlüsselharfe, Laute und Kontrabass passten nicht zueinander und gemahnten an verkitschte Weihnachtsmusik, mit der man im Shopping-Center gequält wird.
Das hat allerdings nichts mit der Qualität des Spieles zu tun, ich schätze Marco Ambrosini und Rolf Lislevand als großartige Musiker, nur das Gericht, das sie servierten, mundete mir nicht. Lislevand spricht im Programmheft von Neuer Alter Musik, die mit den Kenntnissen und Erlebnissen heutiger Musiker interpretiert wird. Bei seinem letzten Konzert in Krieglach, im Schloss Feistritz, hat das auch wunderbar funktioniert, als er sich selbst in sein eigenes Spiel hineinsampelte. Das Publikum reagierte anfänglich recht reserviert, das merkten natürlich die Musiker, doch langsam gewann ihre Performance an Schwung und Überzeugungskraft, bis kräftiger Applaus in die Pause führte.
»Königin«, Gerhard Gnann, Pfarrkirche Krieglach, 4. 9. 2008
Ein spektakuläres Orgelkonzert bescherte Gerhard Gnann auf der neuen Krieglacher Orgel am langen Abend des Donnerstags. Das mächtigste aller Tasteninstrumente im Kontrast zum unmittelbar folgenden Konzert auf dem zartesten aller Tasteninstrumente, dem Clavichord. Er konzipierte eine höchst originelle symmetrische Programmfolge, die von Bach über Mozart und spanische Orgelmusik zu Händel führte, um dann wieder den Rückweg über Spanien und Salzburg zum großen Thomaskantor zu nehmen, mit dessen Präludium und Fuge in e-Moll, BWV 548, er das Konzert beschloss. Nach einer kurzen und prägnanten Einführung in das Konzert, wie man sie sich auch von anderen Organisten öfter wünschte, ließ er bei Bachs Präludium und Fuge a-Moll, BWV 543, erstmals sein Temperament aufblitzen, das noch vom Feuergeist seines Lehrers Ton Koopman kündet. Es war fantastisch zu hören, wie Gnann die Klangwelten wechselte und von einer Kultur zur anderen sprang: Von der Norddeutschen Orgelschule zu den pausbäckig jubilierenden Barockengerln in Mozarts früher Epistelsonate in D, KV 144, dann zurück ins 17. Jahrhundert zum herben bläserreichen Mariengesang des Pablo Bruna und danach das Zentrum des Konzertes in einem Orgelkonzert Friedrich Händels findend. Marcel Dupré hat sie alle für die Orgel transskribiert, der Organist übernimmt den Orchester- und den Solopart. Eine reizvolle Herausforderung für jeden Organisten, die Gnann mit vielen Farbnuancen souverän meisterte, auch wenn ich mir manchmal eine prägnantere Registrierung des Orchesterparts erhofft hätte. Dieses Konzert Nr. 2 in B-Dur wurde übrigens 1735 das erste Mal als Zwischenspiel zu Händels Oratorium Esther aufgeführt.
Francisco Correa de Arauxo führte an das Ende des 16. Jahrhunderts zurück. Sein Siguense Tres Glosas sobra el Canto LLano de La Immaculada Concepción bezauberte mit silbrigen Flötenklängen über mystischen Glaubensurgründen. Mozarts spätere Kirchensonate C-Dur, KV 336, kündete in hochbarocker Melodik von erblühter Meisterschaft des Genies. Gnann begeisterte einmal mehr mit präziser und lockerer Virtuosität, klanglicher Schönheit und sanglicher Interpretationskunst. Das Ziel und die Erfüllung des Konzertes bedeutete Bachs Präludium und Fuge in e-Moll, BWV 548. Gnann stürmte mit diesem einzigartigen Stück in olympische Höhen, vereinte Bachs Kraft mit singulärer musikmathematischer Imagination und Satzkunst. Prachtvoll! Applausstürme! ...und sinnvolles Ende des Konzertes ohne Zugabe – was hätte man nach dieser Musik noch spielen sollen? So strömten alle auf den Vorplatz der Kirche, noch vibrierend mit den gerade gehörten Klängen, wie der Klöppel unter der Glocke schwingend. Langsam löste sich die Spannung bei Wein und Brot, ein strahlender Organist nahm die begeisterten Danksagungen der Zuhörer in Empfang.
»Empfindsamkeit«, Marieke Spaans, Gölkkapelle Krieglach, 4. 9. 2008
Der Glanz einer Stern(en)stunde senkte sich über die Gölkkapelle, als Marieke Spaans die ersten Klänge ihres Nachtkonzertes anschlug. Die niederländische Cembalistin und Organistin versetzte mit ihrem Clavichordspiel die kleine Zuhörerschar bei Kerzenschein in tiefe emotionale Bewegung und Begeisterung. Nach einer kurzen verbalen Einführung – bereits mit gedämpfter Stimme, um auf die zarte Klangwelt des Clavichords vorzubereiten – eröffnete sie das Konzert mit Mozarts d-Moll Fantasie, KV 397. Ihr meisterhaftes Spiel auf diesem viel zu selten gehörten Instrument, dessen zarter Klang so gar nicht in unsere überlaute Welt zu passen scheint, eröffnete neue Einsichten auf Mozarts Kompositionskunst, dem oft auch kein anderes Instrument zur Verfügung stand. Es war ja unter anderem als bequem zu transportierendes Reiseinstrument beliebt und konnte alle dynamischen Schattierungen erzeugen, die dem Cembalo aufgrund des Anreißens der Saiten verschlossen bleiben mussten.
Die Vollendung, mit der Spaans dieses Instrument spielt, lässt sich mit Worten schlecht beschreiben. Sie gehört zu den seltenen Künstlerinnen, die alle Vorzüge vereinen, die einen großen Musiker ausmachen. Virtuose und klangliche Perfektion trifft auf durchdringenen Intellekt und paart sich mit dem großen Herzen einer einfühlsamen Persönlichkeit, die intuitiv in die Seelenwelten der Komponisten einzudringen vermag. So zu hören bei der freien Klavierfantasie Carl Philipp Emanuel Bachs, C. Ph. E. Bachs Empfindungen, W 67. Eine überwältigend originelle Komposition, die mit bizarren Sprüngen, Disharmonien, unerwarteten Wendungen und zerfetzten Melodien in unglaublichster Weise die Seelenwelt ihres Schöpfers offenbart. Mozarts Sonate in a-Moll, auch quasi eine Verzweiflungsmusik – sie entstand zum Zeitpunkt des Todes seiner Mutter in Paris –, überforderte die Zeitgenossen. Selten hört man diese geniale Musik mit derart kristallener Klarheit aus dem Klangkörper eines Tasteninstruments perlen, ohne dass je der Hauch einer Gefahr von Manierismus oder unbegründeter Melodieseeligkeit die Farben verfälschte. Es mag absurd klingen, aber gerade aus dem persönlichen Glück der Künstlerin, die wenige Wochen vor dem Konzert geheiratet hat, entsteht noch tieferes Verständnis für Mozarts verzweifelte Gemütsverfassung, das so manchen Hörer zu Tränen rührte. Mit einem wenig bekannten Adagio Joseph Haydns klang das Konzert aus und ließ die kleine mesmerisierte Zuhörerschar langsam in ihre reale Welt zurückkehren.
»Im Musentempel«, Workshopteilnehmer und Dozenten, Pfarrkirche und Auditorium der MS Krieglach, 5. 9. 2008
Das freitägliche Konzert der Workshopteilnehmer ist einzigartig, weil kaum ein anderes, mir bekanntes, mit dreieinhalb Stunden vielfältigster Alter Musik und einer so großen Schar unterschiedlicher Interpreten aufwarten kann. Insgesamt wurden 25 Stücke von beinahe hundert Künstlern aufgeführt. Eine erfreuliche Neuerung mit drei Kompositionen von J.S. und C.P.E. Bach bot bereits der Anfang in der Pfarrkirche, an deren neuer Orgel seit heuer Kurse abgehalten werden. Ihr Leiter, Gerhard Gnann, bedeutet nicht nur künstlerisch sondern auch menschlich eine wertvolle Bereicherung für die Woche der Alten Musik.
Im Auditorium der Musikschule wechselten groß angelegte Kompositionen für Ensembles mit kleinen kammermusikalischen Perlen. Darunter J.S. Bachs Kantate Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit, geleitet und einstudiert von Lorenz Duftschmid, Georg Muffats Orchestersuite Indissolubilis Amititia, bei der die Musiker vom einzigartigen Erfahrungsschatz profitierten, den John Holloway einst als Konzertmeister von Les Arts Florissants sammelte, bei Claudio Monteverdis Lumi miei, cari lumi, das ein Consort von sechs Gamben für drei Sängerinnen begleitete und schließlichTänze von Horatio Vecchi, choreografiert zu den Klängen eines Gambenkonsorts vom unvergleichlichen Nils Badenhop, dessen gerade überstandene Beinverletzung man kaum merkte.
Dazwischen die kleinen und feinen Pretiosen: Bezaubernd expressive Balletti für Sopran und Blockflöten von Gastoldi, Blockflötentrios von Thomas Morley und Anthony Holborne, sowie transsylvanische Tänze, alle aus der beliebten Klasse von Michael Oman. Das Duo David Bergmüller und Johannes Ötzbrugger verdient eine besondere Erwähnung mit Stücken aus dem Cancionero de Uppsala von Thomas Robinson, denn derart intimes und harmonisches Zusammenspiel zweier Lauten hört man selten. Eine wunderbare Suite en sol von Joseph Bodin de Boismortier vereinte den jungen Gambisten Andre Lislevand mit seinem Vater Rolf an der Theorbe, sowie mit Lorenz Duftschmid, Gambe, und Thor Harald Johnsen auf der Barockgitarre – so klingt Krieglacher Kursluxus! Konzertreif glänzte der Marsch der Skythen von Josef Nikolas Pancrace Royer in der Interpretation von Reinhard Führer am Cembalo, den Marieke Spaans auf dem Weg zur Solokarriere betreut. Strahlend vor Charme und sichtlicher Musizierfreude begeisterte die Sopranistin Barbara Müller mit einer Arie aus Georg Philipp Telemanns Kantate Die Tonkunst, zuvor beeindruckte die jüngste Kursteilnehmerin im zarten Alter von 11 Jahren mit einer Flötensonate des selben Komponisten. Spanische Villancicos kündeten sangesbunt von unglücklicher Liebe, stimmungsvoll begleitet von sechs Gamben, herzhaft moderiert von Gudrun Schiffermüller.
Beglückt transferierten die Besucher nach diesen dreieinhalb pausenlosen Stunden begeistert akklamierten Musikgenusses ihr plattes Sitzfleisch in die Vertikale und netzten den trockenen Gaumen mit Saft und Wein. Die Kurse zum 20. Jubiläum im Jahr 2009 werden Teile einer französischen Barockoper einstudieren, die Vorfreude ist jetzt schon groß!
»Magnificat«, Armonico Tributo Austria, Trompetenconsort Innsbruck, Pfarrkirche Krieglach, 6. 9. 2008
Von den Quellen über die Alm in den Himmel sollte man diesen Samstag beschreiben. Am Vormittag – auf der Kulturwanderung mit dem Roseggerbund – ein Schluck von den kristallklaren Wassern der Pagler-Quelle, zu Mittag dann rauhe Kuhzungen, die auf der Malleisten Alm begeistert salzigen Schweiß vom Arm leckten, am Nachmittag, am Haizlhof, aromatischer Obstbrand, der bodenständige Bratlfettn und Schweinsbratwürstl neutralisierte und schließlich am Abend die anheimelnde Pracht der Krieglacher Pfarrkirche, erfüllt mit spektakulärer Musik.
Das Abschlusskonzert der 19. Internationalen Woche der Alten Musik begann mit einem Magnificat des steirischen Lokalmatadors Johann Joseph Fux, der in Wien, unter Kaiser Karl VI., die Stelle des Hofkapellmeisters einnahm. Berühmt wurde er nicht zuletzt durch seine Kompositionslehre Gradus ad Parnassum. Die kaiserliche Klangpracht seiner Kirchenmusik gewann an diesem Abend durch die ausgewogene Gewichtung von Instrumentalisten und Sängern: Strahlendes Blech der Trompeten des Trompetenkonsorts Innsbruck, imperialer Machtanspruch wuchtiger Paukenschläge und den kraftvollen Liebreiz der Streicher. Der Klang dieser Alten Instrumente erinnert mich an die vielschichtige Süße dunklen Rohrzuckers im Vergleich zur faden Zuckrigkeit raffinierter Zuckerkristalle im modernen Sinfonieorchester. Dazu spielte das hervorragende Solistenquartett der Sänger alle Trümpfe sakraler Gesangskunst im Misericordia aus.
J.S. Bachs groß angelegte Orchestersuite Nr. 3, in D-Dur, BWV 1068, lebt schon in der Ouvertüre vom festlichen Glanz der Bläser, von den Trompeten und Oboen des Trompetenkonsort Innsbruck strahlend intoniert. Im fugierten Zentrum stand die konzertante Violine John Holloways, dessen mitreißende Dynamik und Klangpracht alle anderen Streicher zu Höhenflügen entflammte. Nach der melodisch und kompositorisch perfekten Air, der wahscheinlich bekanntesten Komposition Bachs, folgten die festlichen Tänze Gavotte, Bourrée und Gigue. Sie begeisterten mit höfischer Prachtentfaltung und kontrastierenden Klangfarben zwischen den Streichern und Bläsern.
Wer nach dem folgenden Applaussturm geglaubt hatte, dass es keine Steigerung mehr geben könnte, wurde mit dem Konzert für zwei Violinen in d-Moll, BWV 1043, schnell eines besseren belehrt. Auch hier stand wieder John Holloway im Zentrum der Musik, in kongenialer Weise von Brigitte Täubl als solistischer Partnerin ergänzt – beide zusammen den Orchestermusikern in kontrapunktisch dichter Konkurrenz und Harmonie wechselnd verbunden. Andreas Pilger, Lorenz Duftschmid und Marieke Spaans seien hier stellvertretend für alle anderen erwähnt. Spaans verzauberte den Continuopart mit höchstklassigem Cembalospiel, ihre Leistung trug maßgeblich zur Begeisterung der Zuhörer bei. Man muss erlebt haben, wie sie in der anschließenden, achtteiligen Festkantate zur Rathswahl 1731, BWV 29, das fagottuntermalte Altussolo von Markus Forster mit Orgelsilber vergoldete, ohne von ihrer Sitzposition viel von seinem Gesang hören zu können. Schon in deren anfänglicher Instrumental-Sinfonia zauberte ihr rasantes Solospiel glückliches Lächeln in die Gesichter von Besuchern und Musikerkollegen. Mieke van der Sluis kunstvoll verzierter Sopran imponierte durch Leichtigkeit und ungemein präzise Artikulation zur solistischen Gegenstimme der Oboe, Johannes Chum sang den Tenorpart mit intensivem Engagement, von Brigitte Täubl solistisch temperamentvoll begleitet. Prägnant und wohlklingend gestaltete Steffen Rössler die Basspartien.
Lang anhaltende Ovationen dankten für dieses memorable Festkonzert, das von den Künstlern – man muss auch dieses Faktum einmal erwähnen – unter größtem Einsatz zwischen Kursleitungen und Kursabschlusskonzert bis spät in die Nacht in nur wenigen Tagen erarbeitet und geprobt werden musste. Besonders beglückend empfand ich den freundschaftlichen Aspekt ihres Musizierens, wo Positionen, wie die der Konzertmeisterin oder des Konzertmeisters ins Fließen geraten und die Continuospielerin plötzlich genauso wichtig wird, wie der Leiter des Ensembles. Der Geist von Krieglach at its best!
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