Franz Szabo
September 2009
"Lo Spettacolo", Armonico Tributo Austria, Theater Narrattak, Oni Wytars, Petra Gack, Niels Badenhop, Schloss Feistritz, 6. September 2009, 11.00 Uhr
Ein gutgelaunter Sonntagmorgen im Park von Schloss Feistritz! Morgenfrisch strahlende Besucher, die Freunde begrüßen, vor dem Schloss mit einem Glas Sekt Willkommen geheißen werden und durch den Park flanieren. Begrüßt von Nils Badenhop mit langer Perücke und in ein historisches Kostüm gekleidet, das sogar dem Sonnenkönig zur Ehre gereicht hätte. Dann helle Trompetenfanfaren aus dem Fenster des Schlosses — das Fest nimmt seinen Anfang.
Im Zentrum eine Aufführung der Gruppe Theater Narrattak mit einer "Comedia mundi", begleitet von Armonico Tributo Austria unter der Leitung von Lorenz Duftschmid. Eine Komödie des Urmenschlichen, in Szene gesetzt mit Figuren und Masken der Commedia dell'arte. Kongenial begleitet und musikalisch unterstützt von Musikstücken, die Johann Heinrich Schmelzer und Heinrich Ignaz Franz Biber einst für barocke Commedia-Feste am Wiener Kaiserhof komponierten. Also: Reicher und geiziger Vater, hübsche Gattin auf Seitensprungkurs, in einen Mittellosen verliebte Tochter, der Frauenheld Capitano, ein ewig hungriger und ein ewig müder Diener. Bühne — nein, Ring frei für stilisierte Emotionen und Eitelkeiten in bezaubernder und mitreißenden Simplizität, die aber schon gar nichts mit Einfachheit zu tun hat, sondern den Schauspielern alles an Einfallsreichtum, Körpersprache und Artistik abverlangt, was sie zu geben vermögen. Ein besonderes Glück, wenn sie dabei von kongenialen Musikern begleitet werden, die aus kleinen schwarzen Punkten eine zutiefst bewegende Welt der Gefühle zu zaubern vermögen. Wie Lorenz Duftschmid an der Gambe oder Michael Oman, der mit seiner Blockflöte das Liebeswerben der Tochter unnachahmlich versüßte. Zwischen Sonnenschein und Regentropfen, umschmeichelt von Zephirs kühlem Hauch, beschützt vom grünen Dach uralter Baumriesen, lachte und erfreute sich das Publikum plakativer Liebesszenen, der "Heirat" der goldenen Duplonen, dem Streit ums Hochzeitskleid, witzigen Schlagabtäuschen und Prügelszenen, sowie dem großen Auftritt des Frauenhelden mit kriegerischem Flair. Ende gut, alles gut: Mit einem kräftigen Tritt auf die Zehen des Geizhalses erfüllte sich auch die Liebe der Tochter!
Dann wanderten alle zum idyllischen Seerosenteich, wo die drei Musiker von Oni Wytars vom Boot aus ihre Melodien über die Wasseroberfläche erklingen ließen. Gespiegelt in den Wellen, gerudert, nein, gestakt vom kundigen Fährmann Dieter Röschel in historischem Prachtkostüm — außergewöhnlich, denn welche Musiker dürfen sich sonst der Steuerkunst eines Polyhistors erfreuen? Doch das ist eben das ganz Besondere am Krieglacher Fest für Alte Musik! Drehleier, Gesang und Perkussion kundeten von fernen Jahrhunderten bis zurück in Renaissance und Mittelalter, als orientalische Farben spanische und italienische Musik und Kultur bereicherten. Ein fröhlicher Tanz als gebührender Abschluss — intensive Lebensfreude verstrahlend! Einen wehmütigen Hauch des Abschiedes nach 20 Jahren Internationaler Woche der Alten Musik legten die ersten fallenden Herbstblätter über diese schöne Darbietung und blieben wie leuchtende Goldmünzen in den grünen Tellern der Seerosenblätter liegen.
In seiner unnachahmlichen, höfisch eleganten Attitüde führte anschließend Nils Badenhop durch das Konzertprogramm der Woche, um schließlich zu Petra Gack und ihrer Soloperformance als Till Eulenspiegel überzuleiten. Eigentlich keine Performance, sondern eine Verkörperung in Wort und Gestik des ewigen Schelms: Dreimal Taufe, vom Pfarrer, im Bach, in den die Amme sie fallen ließ und endlich im mütterlichen Badeschaffel, um den Gatsch abzuwaschen. Mit wandelstarker Deklamationskunst den Bäcker parodierend und den Gaffern die stinkenden Schuhe vom Seil aus an die Köpfe zu schmeißen. Alt und jung lauschten ihr gebannt, als sie unterm uralten Baum rotgewandet mit possierlich pampelnden Beinen ihre Possen riss.
Als endgültiger Abschluss der Darbietungen betraten nochmals Marco Ambrosini, Peter Rabanser und Katharina Dustmann die Bühne und ließen die großartige Musikwelt der Renaissance aufblitzen. Schließlich versammelten sich alle Künstler des Tages ebendort und nahmen den gebührenden Applaus entgegen. Peter Täubl betrat die Bühne und bedankte sich mit bewegenden Worten bei den langjährigen Weggefährten eines der schönsten Festivals Alter Musik. Von Tränen gerührt der großzügige Schlossherr, dessen langjährige Gastfreundschaft diese Eröffnungsfeste erst möglich machte. Der kulinarische Höhepunkt des Sonntags vereinte alle bei kalten und warmen Köstlichkeiten und der kühle Wein aus der Südsteiermark löste Zungen, die alte Freundschaften auf neue Höhen hoben. Zu allerletzt ein Rundgang durch den herrlichen Schlosspark, Pilzfreunden reizvolle Einblicke auf prächtige Eierschwammerl und Erdsterne schenkend. Welch ein memorabler Herbstsonntag mit und unter Freunden.
"Soli Deo Gloria", Gerhard Gnann, Grazer Choralschola, Pfarrkirche Krieglach, 7. September 2009, 19.45 Uhr
Um es gleich vorweg zunehmen, dieses Konzert war eines der stimmigsten, das ich je in Krieglach gehört habe. Gerhard Gnann, der Organist, und Franz Karl Praßl, der Leiter der Choralschola, konzipierten eine Programmfolge barocker Orgelmusik und gregorianischer Gesänge, die einander in perfekter Harmonie beflügelten und ergänzten. Besonders schön in Girolamo Frescobaldis "Messa Della Domenica" und dem "Magnificat IV. toni" von Samuel Scheidt zu hören, als die Sängerinnen und der Organist sich im Vortrag der Verse abwechselten. Das Konzert begann mit dem Präludium in Es-Dur, BWV 552, in kraftvoller Ruhe und kunstvoller Schlichtheit geschmückt mit, wie Blumen verstreuten, Abstraktionen. Es folgte ein gregorianisches Introitus, das mit kristallener Klarheit der Stimmen ein Fenster ins Paradies öffnete. Eine gefesselte Zuhörerschaft lauschte über weite Strecken in atemloser Stille. Zum Gloria der Programmfolge spielte Gnann Jan Pieterszoon Sweelincks Variationen über "Allein Gott in der Höh". Ein tänzerisches Gotteslob, das die Klangfarben der Orgel freudig erstrahlen ließ. Solistisch einfach überwältigend sangen die Damen der Choralschola das Graduale "Timebunt gentes", während der Organist im prachtvollen "Ricercare del duodecimi tono" von Costanzo Antegnati meditative Klänge mit typisch italienischer, silbrig heller Mixtur ins Kirchenschiff herabsinken ließ. Scheidts Magnificat — schon oben angesprochen — war bereits aus dem Messablauf gelockert und bot dem Komponisten von starker kompositorischer Kraft geprägte Freiräume, die Gnanns mitreißende Persönlichkeit mit einfach wundervollem Orgelspiel krönte. Eine bezaubernde Imitation tiefer spanischer Dudelsackklänge bot die "Gaetilla de mano izquierda" von Sebastián Durón — die Solostimme mit der linken Hand gespielt, den Dudelsack rechts "gedrückt"! Noch einmal die Damenstimmen in überzeugender solistischer Schönheit, auch wenn es im Titel heißt "Canticum trium puerorum" und als festlicher Abschluss die Fuge in Es-Dur, BWV 552. Eine großartig gestaltete und gespielte Krönung des Kirchenkonzertes, über dem bereits das wehmütige Abendrot des 20jährigen Festivals erstrahlte. Soli Deo Gloria und soli Johann Sebastian gloria! Die Ehre des überwältigenden Applauses teilte sich der Organist mit der Choralschola und ihrem charismatischen Leiter und schließlich auch mit dem Erbauer der neuen Krieglacher Orgel. Ein Konzert, von dem man hoffte, dass es nicht enden möge — bewegend! Dann der traditionelle Ausklang vor der Kirche im kühler werdenden Herbstabend bei gastfreundlichem Brot und Wein.
"Consortium Musicum", Pfarrkirche St. Kathrein am Hauenstein, 8. September 2009, 19.45 Uhr
Der Beginn dieses Konzertes, als Bach für meinen Geschmack kurz zum "Wildbacher" mutierte, zeigte mir wieder einmal, wie subjektiv und unterschiedlich Rezeption und Kritik von Musik sein kann. Von Ablehnung über Verständnislosigkeit bis zu Begeisterung reichte die Palette der Meinungen. Nur kurz: Ein wenig stimmiger Anfang zog über die zweite Suite in h-Moll, BWV 1067, wie eine Schlechtwetterfront hinweg. Nicht recht passte das Stück ins Programm, noch besonders an diese Stelle der Programmabfolge; von den Schwankungen in Farbgebung der Violinen, Homogenität und Präzision gar nicht zu reden. Marcello Gattis wunderbares Querflötenspiel ging im allgemeinen Tumult mehrfach unter. Die folgende Sonata à tre von Arcangelo Corelli sah bereits wieder blauen Himmel. Kraftvoll im Continuo! Brigitte Täubl und der langjährige Konzertmeister von Armonico Tributo, Clemens Nußbaumer, brannten dazu ein Solo-Duo-Feuerwerk für zwei Barockviolinen ab, dass die Funken stoben. Es bedeutete ab diesem Stück eine große Freude, ihn wieder im Ensemble zu hören!
Zwischen den einzelnen Musikstücken erzählten Brigitte Täubl, Lorenz Duftschmid und Michael Oman von den so lange zurückliegenden Mühlviertler Wurzeln des gemeinsamen Musizierens, als Günther Duftschmid — ihm ist dieses Konzert gewidmet — das Ensemble Consortium Musicum ins Leben rief, um seine unbändige Freude an Alter Musik als Samenkörner in die Herzen von Familie und Freunden zu legen. Da wurden die Violinen noch mit Stahlsaiten und ohne Barockbögen gespielt, erst im Lauf der Jahre entstand kontinuierlich die heute als selbstverständlich angenommene spieltechnische Perfektion der historischen Aufführungspraxis. Nicht zuletzt durch den wichtigen Lehrer und das große Vorbild Jordi Savall. In Gedanken waren an diesem Abend in der idyllischen Waldheimatkirche alle bei Günther, der aus gesundheitlichen Gründen mit seiner Frau Sidi die heurigen Konzerte leider nicht mehr besuchen kann.
Bühne frei für Michael Oman, den tänzerischen Flötisten der ersten Stunde — seither hochgeschätzter und geliebter Lehrer, Ensembleleiter und Weltklassesolist. Er fegte mit seinem Spiel sämtliche Anfangswolken hinweg und riss mit seiner Persönlichkeit die Kollegen in einen Wirbel der Spielfreude, der dem Publikum Begeisterungsstürme entlockte. Das Doppelkonzert in a-Moll von Georg Philipp Telemann vereinte solistisch die Blockflöte mit Duftschmids Gambe — wunderbar gesanglich im gemeinsamen "Dolce". Dazu das große Vergnügen, herausragende Künstlerpersönlichkeiten, wie Rolf Lislevand an Laute und Barockgitarre und Gerhard Gnann am Cembalo, im Basso Continuo hören zu dürfen. Auch Andreas Pilger darf man nicht zu erwähnen vergessen: Er wechselte für dieses Konzert von der Violine zur Bratsche, der er intensive Herzenswärme verlieh.
Die herbstkühle Pause im Kirchhof bescherte ein üppiges Käseerlebnis aus lokaler Produktion, sein platzbedrängter Genuss erforderte einiges an Essvirtuosität. Dann ergriff Michael Oman das Wort statt der Flöte und dankte vor allem Gerti und Peter Täubl für die unermüdliche jahrzehntelange Arbeit, ohne die dieses herausragende steirische Kulturfest nie bestehen hätte können, allerdings oft mit wenig Verständnis und geringem Dank von der kurzsichtigen lokalen Politik bedacht. Aber immerhin ehrt regelmäßig der steirische Altlandeshauptmann die Veranstaltung mit seinem Besuch, die Bürgermeisterin der Gemeinde Krieglach habe ich allerdings nur selten anwesend gesehen.
Zwei Flötenkonzerte von Telemann legten nach der Pause dem genialen Komponisten Ehre ein, der quasi "aus dem Handgelenk" mit berührenden Melodien und mitreißenden Tänzen die Menschen beglückt und zu Tränen rührt. Magisch der Zusammenklang von Gattis Querflöte — etwas weicher im Klang — mit Omans Blockflöte — in tragenderer Rolle — beim Doppelkonzert in e-Moll. Den kostbaren Continuo-Rahmen formten wieder Gnann am Cembalo und Lislevand an der Gitarre. Hier harmonierten die Streicherfarben auf's Schönste, Zusammenspiel und Timing gerieten perfekt! Doch alle an diesem Abend überstrahlend und mitreißend die explosive Musikerpersönlichkeit Omans! Mit Worten kaum zu beschreiben, am besten man hört seine CD's, denen nur eines mangelt, ihn zum großartigen Spiel auch in tänzerischer Bewegung sehen zu dürfen, mit der er die Musik adelt. Jubelstürme und Standing ovations dankten ihm und dem Ensemble, nach einigen begeistert eingeforderten Telemann-Zugaben, für diesen memorablen Konzertgenuss.
"Clarin, Cornetto und Posaune, Marieke Spaans, Brigitte Täubl, Les Sacqueboutiers de Toulouse, Trompetenkonsort Innsbruck, Pfarrkirche Krieglach, 9. September 2009, 19.45 Uhr
In Anlehnung an einen höchst erfolgreichen Film möchte ich diesem Konzert den Untertitel "Marieke rennt" verleihen — allerdings nicht dem Gelde nach, sondern zwischen Truhenorgel beim Volksaltar und großer Orgel auf der Empore. Als tragende Säule des Konzertes gestaltete sie einfühlsam das Continuofundament für die vielfältigen Bläserfarben: Das strahlenden Blech der Trompeten, die schillernden Farben der Posaunen und die obertonreiche Klangwärme der Zinken. Und natürlich für den Bernsteinschimmer von Brigitte Täubls Violine bei Johann Heinrich Schmelzers "Sonata à tre" aus dem Archiv in Kremsier, das ja bereits Nikolaus Harnoncourt eine unerschöpfliche Fundgrube herrlichster Musik bot. Diese Sonate des ersten deutschsprachigen Wiener Hofkapellmeisters aus Scheibbs schmückt sich mit faszinierenden Klang- und Farbharmonien zwischen Violine, Holz und Blech — mein Favorit dieses Abends! Der Sweelinck-Schüler Samuel Scheidt war in der Programmfolge umfangreich vertreten, die Solisten der Sacqueboutiers gestalteten vor allem seine "Paduan dolorosa XV" und "Courant dolorosa" mit trauernd verhangenen Klängen der Posaunen, deren mattes Farbenspiel an den irisierenden Lüster von Perlmutter erinnerte. Zinken und Posaunen vereinten sich etwas später noch in schönster Harmonie bei seiner Canzon über "O Nachbar Roland". Der große Reiz dieses fantastischen Konzerts entstand nicht nur durch das außergewöhnliche Spiel aller Beteiligten, sondern auch durch die räumliche Inszenierung im Kirchenschiff, durch das Widerspiel der mächtigen Orgel- und Trompetenklänge von oben mit den zarteren Klängen von Zinken, Posaunen und auch Cembalo von unten. Die Zuhörer durften sich dazwischen, sozusagen im Bauche des Klanggeschehens wähnen. Es wäre allerdings klug gewesen und hätte mehr Ruhe in den Musikablauf gebracht, Marieke Spaans die sportliche Distraktion zu ersparen und Gerhard Gnann zusätzlich an die Kirchenorgel zu setzen.
Johann Jakob Löwe von Eisenach und Johann Christoph Pezel — mit Stücken für Barocktrompete und Orgel, vom Innsbrucker Trompetenconsort brillant intoniert — werden vielen Besuchern bis zu diesem Konzert unbekannt gewesen sein, es bedeutete auch 20 Jahre eine der großen Faszinationen der Internationalen Woche der Alten Musik, dass die Programmgestalter, allen voran Lorenz Duftschmid, immer wieder unbekannte Juwelen der Musikliteratur "ausgruben" und präsentierten. Genauso, wie viele Besucher, die vor allem adventliche Turmbläser kennen, heute vom wunderbar zurückhaltenden, ja zärtlichen, Klang der Posaunen überrascht und begeistert waren. Das bemerkenswerte Konzert vereinte zum Schluss alle Bläser und die Orgel zu Schmelzers "Sonata à sette" aus Sacro-Profanus Concentus Musicus, 1662. Großartig, wie die kraftvollen Trompeten das Klangbild bereicherten, ihr Klangcharakter gefiel mir — von meiner hinteren Sitzposition aus — von vorne kommend noch besser als von oben. Nach begeistertem Applaus folgte eine Zugabe mit Echoeffekten von Zink und Posaune, ein beliebtes musikalisches Raumspiel, das regelmäßig Begeisterung erweckt — so auch an diesem Abend, als man ihren Zauber in die silbrige Stille der Mondnacht auf den Weg zur Gölkkapelle mitnahm.
"Capona", Rolf Lislevand, Gölkkapelle, 9. September 2009, 22.45 Uhr
Die traditionellen Spätabendkonzerte in der Gölkkapelle strahlen ein ganz besonderes Flair aus. Wenige Besucher in einem relativ kleinen Raum, flackerndes Kerzenlicht, die unmittelbare Sitznähe zum Künstler und die späte Abendstunde vermitteln ein ungewöhnlich intensives und intimes Konzerterlebnis wie selten. Rolf Lislevands Darbietung fügte sich nun als Dritte in einen hervorragenden "Zyklus" mit John Holloway und Marieke Spaans ein. Der seit vielen Jahren in Verona lebende, norwegische Lautenist zählt zu den Ausnahmeerscheinungen auf dem internationalen Parkett der Alten Musik. Als langjährige Stütze von Jordi Savall und seinen Ensembles zeichnet sich Rolf nicht nur durch großartiges Solo- und Continuospiel und eine bemerkenswerte Persönlichkeit aus, sondern vor allem durch unbändige originelle Interpretationsansätze und nicht zuletzt als höchst beliebter Lehrer.
Das Programm des Abends führte von der Barockgitarre über die 6- chörige Renaissancelaute zur Theorbe, die Entwicklungsgeschichte dieser Saiteninstrumente spiegelnd und in Spieltechnik und Klang immer anspruchsvoller und voluminöser werdend. Granata und Corbetta erinnerten mich an das Stetige und doch Unvorhersehbare des Lebens. Rolf spielte mit großer Fantasie und unbändigem Risiko auf diesem Instrument, das eigentlich nie für derartig seiltänzerisch virtuose Höhenflüge konzipiert war. Großartig! Der besinnliche Mittelteil mit der Renaissancelaute brachte Stücke von Capirola, Narvaez und einen wirbelnden Tanz aus einem englischen Lautenbuch. Meine Fantasien, im Halbdunkel der Kapelle aufblühend, beschworen bei der Musik von Narvaez das Kreisen der Gestirne, das himmlische nach dem menschlichen Leben. Lislevand haucht all diesen Werken, teilweise nur mit sehr sparsamer Notation festgehalten, ungemein viel rhythmische Kraft seiner Persönlichkeit ein und ergänzt sie mit den allerschönsten Verzierungen. Besonders im abschließenden konzertanten Teil mit Capona, Toccata und Passacaglia von Kapsberger, dem legendären Deutschen in Italien. Seine kunstvolle Lautenmusik — zur schönsten gehörend, die je geschrieben wurde — beschwor Wind, Meer und das besondere venezianische Licht. Das kundige Publikum lauschte in tiefer Konzentration — ein leider viel zu seltener, erlesener Musikgenuss.
Rolfs Dankesworte an die Familie Täubl ließen verstehen, wie viel auch er ihnen zu verdanken hat: Die Möglichkeit, Konzerte in Krieglach quasi als höchst spannende Probeläufe für seine Fantasien und außergewöhnliche CD-Produktionen zu nützen. Mit fröhlichen Dank für alle diese wunderbaren Jahre spielte er als Zugabe eine tänzerische Tarantella. Um dann mit einer Chaconne von Robert de Visé zu enden, die als Wiegenlied gedacht war. Vielleicht ein Wink, das Ende als Transition und Neubeginn zu verstehen.
"Credo", Dieter Röschel, Diethelm Stix, Josef Lichtenegger, Marieke Spaans, Thomas C. Boysen, Pfarrkirche Krieglach, 10. September 2009, 19.45 Uhr
Dieter Röschels Vortragskonzerte in Krieglach sind immer etwas ganz besonderes, weil sie Reisen zu weit entfernten Themen bieten, allerdings nicht geografisch — dazu gibt's ja bequeme Flugzeuge — sondern in die Vergangenheit europäischer Kultur — dazu muss man mit viel mehr Aufwand und Engagement jahrelang in Geschichte und Kunstgeschichte eintauchen, sie zum zweiten Lebensinhalt machen. Wie eben "unser" charismatischer Krieglacher Zahnarzt! Bei diesen Reisen hat er seit Jahren einen kongenialen Begleiter, den Flötisten Sepp Lichtenegger, Gemeindearzt in Mürzzuschlag, der einen großen Anteil an der anspruchsvollen Musikbegleitung dieses Abends hatte. Diese beiden Amateure, im wahren Sinn des Wortes "amare", Liebende ihrer Sache, gestalteten zusammen mit drei "echten", also von ihrer Kunst auch leben müssenden, Künstlern das Programm des Abends. Marieke Spaans an Orgel und Cembalo, Diethelm Stix als Vorleser und Thomas C. Boysen an der Laute.
Der Kreuzritter Jean, Sire de Joinville verfasste in französischer Sprache um 1250 im Heiligen Land ein Werk über das christliche Glaubensbekenntnis. Ein in Reims entstandenes Messbuch (Ms. Lat. Q.v.l, 78), auch Petersburger Missale genannt, enthält Illustrationen des Glaubensbekenntnisses, die zusammen mit Joinvilles Text den Kern des heutigen Vortrages bildeten. Stix las den Text inhaltstark und mit feinen Zwischentönen, Röschel lieferte die überaus informationsdichten Erklärungen zu den projizierten Bildern, die Bezüge und Parallelen zwischen Szenen des Alten und Neuen Testaments aufzeigten. Manchmal wäre weniger etwas mehr gewesen, Ausführungen über das kirchliche und soziale Umfeld oder die künstlerische Arbeit an den Miniaturen hätten den über Strecken doch leicht ermüdenden Vortrag angenehm aufgelockert.
Das musikalische Rahmenprogramm enthielt Stücke vom 16. bis zum 18. Jahrhundert aus Italien, Spanien, Österreich und Niederlande. Wunderschön Lichteneggers Flöte bei Jakob van Eycks "Pavaen Lachrymae" und Dowlands "Lachrimae" von Boysen auf der Laute liebevoll gestaltet. Ebenso exquisit eine Canzona von Frescobaldi, die Mariekes Cembalo silbrig mit der Flöte singen ließ. Flöte, Laute und Orgel vereinte ein lebenslustiger, melodisch eingängiger, anonymer Ground. Vom genialen "Dilettanten" Benedetto Marcello stammte eine Ciacona, von der Laute tänzerisch bewegt. Als großartigen, krönenden Abschluss spielte Marieke Spaans die Toccata X in D-Dur von Georg Muffat — ein in Musik gewandetes, intensives Glaubensbekenntnis der nonverbalen Art.
XX. Krieglacher Akademie, Marin Marais, Alcione, Lorenz Duftschmid musikalische Leitung, Nils Badenhop Inszenierung, Pfarrsaal Krieglach, 11. September 2009, 19.00 Uhr
Dozenten und Kursteilnehmer der beliebten Krieglacher Workshops Alter und Barockmusik nahmen zum 20. Jubiläum ein großes Projekt in Anspruch: Alcione, eine Tragédie en Musique, ist die bekannteste Oper von Marin Marais, ein barockes Fest für alle Sinne, wie es Ludwig XIV. am Hofe von Versailles liebte. Der Sonnenkönig war ein großer Musikliebhaber, sowohl im weltlichen wie im kirchlichen Bereich, alle Auswahlverfahren für neue Musiker entschied er persönlich, in der Kirche wollte er kein Musikstück zweimal hören — darum sind so viele großartige Kompositionen erhalten. Als begeisterter Tänzer hielt er sich wohl eines der genialsten "Opernduos" der Musikgeschichte mit Moliére als Textdichter und Lully als Komponist. Der hervorragende Gambist Marais spielte unter Lully im Orchester und als Solist vor dem König. Nach Lullys Unfall mit dem großen Taktstock, den sich dieser in den Fuß rammte und später daran starb, wurde er auch Leiter des Orchesters.
Der Dirigent Lorenz Duftschmid, wie Marais großartiger Gambist, studierte heuer in knapp fünf Tagen in einem konzentrierten Kraftakt mit den Kursteilnehmern die Oper ein. Auf französisch! Dazu gehören die Orchestermusiker, die Chorsänger, die Solosänger und die Tänzer. Wiederum musizierten Profis, Unterrichtende, wie Andreas Pilger, Violine, oder Andreas Lackner, Clarino, zusammen mit Studierenden und Amateuren — jeder nach seinen besten Kräften. Eine reizvolle Mischung, wo Freude am Musizieren viel mehr zählt, als ein kleiner Ausrutscher. Die musikalische Kompetenz und Inspiration Duftschmids fand einen höchst kongenialen Partner im Tanz- und Bühnenuniversalisten Nils Badenhop. In einer Person Tänzer, Choreograph, Tanzlehrer, Spezialist für Barocktanz und barocke Gebärdensprache, Lautenist und Sänger. Vor allem aber Schneider farbenprächtiger Bühnenkostüme, die er bis spät in die Nacht für die Mitwirkenden anpasste und abänderte. Nicht zuletzt auch als Schminkmeister, der Menschen wie du und ich zu gewaltigen Bühnenerscheinungen verzauberte.
So entstand in einer kurzen Woche intensivster, aber auch ermüdender, Probenarbeit ein farbenprächtiges Opernspektakel der Sonderklasse: Da begrüßten festliche Trompetenklänge den König. Mitreißende Tanzszenen und -rhythmen, wie beim Fest der Matrosen, erwachten durch Badenhops Choreografie zu pulsierendem Leben. Ein grauenhafter Sturm tobte über die Bühne, mit Wind- und Donnereffekten, welche die Wirklichkeit an dramatischer Schönheit bei weitem übertrafen — wer genau hinsah, konnte den Gartenhandschuh an Sepp Lichteneggers Hand erkennen, damit er sich an der Kurbel der Windmaschine keine Blasen brennt! Als der Sonnenkönig Apoll in kostbarer Adjustierung einherschritt, begleitete ihn Badenhop und ließ ein Sonnenrad über seinem Kopf kreisen, das er exzentrisch mit einem Staberl drehte — wie einfach und überzeugend war doch diese Bühnenwelt ohne digitale Effekte! Böse dunkle Geister wirbelten furchterregend über das Podium, ein ungeheures Maul öffnete sich drohend im blutroten Licht zur grausigen Zauberhöhle. Herzbewegende Liebesarien, wie die der Alcione im 4. Akt, wurden begleitet von einschmeichelnden Flötenklängen. Und natürlich begeisterte die mitreißende Chaconne mit der großen finalen Tanzszene am Ende der Oper so sehr, das alle sie gerne nochmals gehört hätten. Der Bassbariton Herbert Tomaschek spielte und sang einen prachtvoll hässlichen Bösewicht, Johannes Weiß den unglücklichen Ceyx und Carina Lochner die große tragende Rolle der Alcione, stimmig in Gesangskunst und Körpersprache. Die barocke Geisteswelt erleichterte die schnelle Zuordnung der Charaktere: Schwarze Perücke und dunkles Gewand — hässlich und böse, Furien, Zauberer, böse Geister. Weiße Perücke und helles Gewand — schön und gut, Apoll, Hohepriester, Liebende, Neptun.
Der große Pfarrsaal erwies sich als idealer Probeort, wo die Künstler weit ungestörter als in der Musikschule arbeiten konnten und war gestopft voll bei der feierlichen Premiere, die leider auch gleichzeitig die letzte Vorstellung war. Sogar die Elektrik für das Bühnenlicht, behütet von Peter Täubl und Ernst Gesselbauer, spielte mit und ließ nur mäßige Ermüdungserscheinungen erkennen. In der Pause erholten sich Besucher und Künstler gemeinsam bei Brot und Wein. Klug, wer sich für diese einzigartige Produktion Karten gesichert hatte, weder vorher noch nachher hat und wird es hier, in Rosseggers Waldheimat, ähnliches zu hören und zu sehen geben. Der tosende und nicht enden wollende Applaus ließ erkennen, dass alle Besucher sich dieser Tatsache bewusst waren!
"Santa Cecilia", Lorenz Duftschmid, Armonico Tributo Austria, Ensemble Zefiro, Les Sacqueboutiers de Toulouse, Pfarrkirche Krieglach, 12. September 2009, 20.15 Uhr
Der würdige Abschluss, nicht nur der 20. Internationalen Woche der Alten Musik, sondern der gesamten zwanzigjährigen Veranstaltungsreihe, ließ die Krieglacher Pfarrkirche aus allen Nähten platzen. Das Konzert begann mit dem großartigen und mächtigen "Te Deum à cinque", K271, von Johann Joseph Fux. Der Bauernsohn aus Hirtenfeld bei Graz, der es bis zum Hofkapellmeister am Kaiserhof der Habsburger in Wien brachte, hat insgesamt sechs Te-Deum-Vertonungen geschaffen, aber wenige Aufführungen werden von einer derart luxuriösen Besetzung von Instrumentalisten und Sängern dargebracht worden sein, wie an diesem Abend. Johannes Chum glänzte in tragender Tenorpartie, ein schönes Solo für Gerlinde Sämann begeisterte, das Ensemble Zefiro und die Sacqueboutiers ließen abwechseln Holz und Blech strahlen, während die Musiker von Armonico Tributo den Glanz der Streicher wie Lack auf eine Stradivari auftrugen. Das schöne Ausschwingen der tiefgläubigen Musik bevor der Applaus einsetzte, sprach für das Kunstverständnis des Publikums.
Es wurde auch sofort mit einer hinreißend schönen Interpretation von Händels Concerto grosso in B-Dur belohnt. Gerhard Gnann an der Truhenorgel steuerte mit untrüglichem Sensorium den Fluss der Musik, die in durchsichtiger Selbstverständlichkeit beeindruckende Klangkultur ausbreitete. Alfredo Bernardinis und Paolo Grazzis kunstvoll atmende Oboen, Lorenz Duftschmids samtweiche französische Gambe, Brigitte Täubls und Andreas Pilgers virtuose Violinen und Peter Aigners kraftvolle Viola verschmolzen bei aller Individualität wie zu einem einzigen kostbaren Instrument. In flottem Tempo perfekt gespielt!
Für Händels Orgelkonzert in B-Dur, Op. 7 Nr. 1, stiegen die Musiker auf die Orgelempore. Bei meiner Sitzposition direkt darunter wechselte der lucide Steroklang von vorne zu einem leicht flächigen monauralen Effekt, der eine reizvolle Begleitung der solistischen Orgel bewirkte, aus der immer wieder die Theorbe von Thomas C. Boysen wie eine jubilierende Vogelstimme herausklang. Der absolute Star dieses Stückes war Gerhard Gnann an der Orgel. In fröhlich melodischem Schwebezustand von Händels Genie beglückte er mit voluminösem und doch federleichtem Orgelspiel, wie es seinesgleichen sucht. Beim Bourrée Allegro so mitreißend tänzerisch hüpfend und stampfend, dass nur die strenge Enge der Kirchenbänke das Mittanzen verhinderte.
Henry Purcells abschließende Ode for St. Cecilia's Day widmete Lorenz Duftschmid seiner Schwiegermutter als "Ode an die Musik für Gerti Täubl". Ein Geschenk für zwanzig Jahre gemeinsamen Einsatzes mit ihrem Mann Peter für Musik und Menschen, die Musik lieben, ausübend oder hörend. Für jahrelangen kräfteraubenden Einsatz, der jeden gewöhnlichen Sterblichen restlos überfordert hätte. In großer gemeinsamer Besetzung zelebrierten alle Musiker diesen finalen, klanggewordenen Dank: Mit Oboen, Fagott, Posaunen, Zinken und Trompeten strahlend wie ein goldener Sonnenuntergang in der "Symphony". Ein dichtes Gewebe der Huldigung zwischen Instrumenten und Stimmen flechtend in "Hail! Bright Cecilia". Mathias Hausmann ragte hier mit seinem melodisch geführten Bass besonders hervor. "Hark, each Tree" vereinte den Bass mit Sämanns schönem Sopran, mit der virtuosen Gambe, die bei Purcell eine zentrale Rolle einnahm, und den silbrigen Flöten von Michael Oman und Sepp Lichtenegger, der nun endgültig den Sprung auf's Podium geschafft hat. Mit einem sängerischen Kabinettstück floral wuchernder Verzierungen in schillernden Stimmfarben begeisterte der Altus Bernhard Landauer in "'Tis natures's Voice", Gambe und Orgel lieferten die feurigen Pferde für diesen vokalen Husarenritt. Die "Wondrous machine" habe ich mit Harnoncourt noch etwas prägnanter gehört, bei "The Airy Violin" ließ die musikalische Hochspannung ein wenig nach, doch "In vain the Am'rous Flute" vereinte Chum und Landauer bereits wieder auf's Schönste mit den Flöten. Das kriegerische "The Fife and all the Harmony of War" sang Landauer großartig, die Trompeten gellten drohende Machtansprüche. Dann vereinten sich alle zum großen melancholischen Abschlußgesang, angeführt von der herrlichen Gambe. Kurz stand die Zeit still, dann brandete der Sturm des Applauses auf und wollte nicht enden. Eine Zugabe erhielt die jubelnde Menge — Händels Halleluja aus dem Messias! Und das war dann endgültig das Ende von 20 Jahren für die Musik in Krieglach. Brigitte Täubl ergriff das Wort und stattete in unnachahmlich herzlicher Art den Dank an die Künstler, die Familie und das Publikum ab, das mit einer nicht enden wollenden, geschlossenen Standing ovation für alle Beteiligten antwortete.
Im Pfarrhof erhellten anschließend die gleißenden Funkenregen eines barocken Feuerwerkes die bewegten Gemüter, wenig später wärmte Steinpilzsuppe im knusprigen Brotbehälter die hungrigen Mägen. Frisch gestärkt und vom Weine belebt, begann das große Plaudern und schließlich auch das Abschied nehmen, bis die Nacht ihre sternenklare Ruhe über den Kirchhof senkte.
Eine Ruhe, in die auch Karin Holloway wenig später einging, als sie weit entfernt von Krieglach ihren heldenhaften Kampf gegen den Krebs endgültig verlor. Die Woche der Alten Musik hat uns die Begegnung mit ihr geschenkt, ich möchte meine heurige Berichterstattung ihrem Andenken widmen.
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