Franz Szabo
November 2002
Les Musiciens du Louvre - Grenoble, Marc Minkowski, Wiener Konzerthaus, 26.11. 2002
Als spätherbstlicher Höhepunkt der Pflege Alter Musik im Wiener Konzerthaus erwies sich eine optisch spartanische, konzertante Aufführung von Händels Erfolgsoper Giulio Cesare unter der Leitung von Marc Minkowski, der mit dieser Neuinszenierung von der Pariser Opéra de Bastille derzeit eine Europa-Tournee mit CD-Aufnahme für die DGG unternimmt. Unterstützt wird er dabei von einem Solisten-Ensemble höchster Güte: Der jugoslawischen Mezzosopranistin Marjana Mijanovic, der in Brünn geborenen Mezzosopranistin Magdalena Kozená, der schwedischen Mezzosopranistinnen Anne Sofie von Otter und Charlotte Hellekant. Eine einmalige Gelegenheit, vier Mezzos völlig unterschiedlicher Farben in unmittelbarem Kontrast zu hören. Interessant war die Publikumsreaktion des Schlussapplauses, mit dem die virtuose und kraftvolle Magdalena Kozená - als über lange Strecken herrschafts- und liebesleidende Cleopatra-Blondine im Kontrast zu Shakespeares Auffassung der Person - eindeutig den stärksten Beifall erhielt.
Die dunkelhaarige, Caesar wie eine energiegeladene Sprungfeder gestaltende, Marjana Mijanovic glänzte nicht nur mit intensiv kämpferischer Körpersprache, sondern vor allem mit einer herrlichen, dunkel timbrierten Stimme, die in tiefste Abgründe des Krieges und der Leidenschaften führte. Prachtvoll gelangen ihr die großen Arien zur solistischen Begleitung von Horn, Gambe und Geige, wie die bukolisch lyrische Arie »Guidami tosto« im Zedernhain. Leider verlor sie im Laufe der kräfteraubenden vier Stunden in dem geringen Maß an Kraft, in dem Frau Kozená sich steigern konnte. Die beiden Schwedinnen standen diesen Leistungen nicht viel nach, wie Frau von Otter zum Beispiel in der hochdramatischen, expressiv virtuosen Arie des Sesto »Filio non è, chi vendicar non cura...« bewies. Bei den Herren errang eindeutig der Countertenor Bejun Metha als grundböser - mit reichlich Kraft in der Höhe ausgestatteter - Tolomeo die Gunst des Publikums. Dabei gefiel mir der große und großartige Bass von Alan Ewing mindestens genau so gut. Einzigartig schön erklang der Schlusschor der Wanderung durch diese unendlichen Weiten der Seelenlandschaften als sich die acht hochkarätigen Sänger und Sängerinnen zu einem Klanggemälde glühender Farbenpracht vereinten.
Kaum genug Lob spenden kann man den auf historischen Instrumenten ohne Vibratowogen spielenden Orchestermusikern und seinem berühmten Dirigenten. Marc Minkowski fungiert als begnadeter Motor musikalischer und emotionaler Linien und Strukturen im Großen und feinster Details im Kleinen. Jedes gesungene Wort wird von ihm mit höchster Aufmerksamkeit wahrgenommen und mit weitläufig fließenden Gesten dem Orchester präzise vermittelt. Im besten Sinne eine musikalische Vaterfigur, die ihre Aufmerksamkeit allen Kindern gleichermaßen schenkt. Auch im Orchester gab es keinerlei Schwachstellen, egal ob die Begleitung der Sänger orchestral, in Gruppen oder solistisch erfordert war. Die heiklen Bläsersoli gerieten so perfekt, wie die kunstvollen Girlanden der Sologeige. Händels geniale Musik - besonders in dieser Oper als groß angelegtes Affektenmosaik der menschlichen Leidenschaften konzipiert - erklang vom schmerzlichsten Pianissimo bis hin zum kriegerischen Fortissimo ausgewogen, ohne unnötige interpretatorische Übertreibungen oder musikalisch-zeitgeistige Schaustellungen.
Achtung: Eine Aufzeichnung wird am 30. November um 19.30 in Ö1 gesendet.
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