Gib jedem Instrument das, was es leiden kann...

Franz Szabo

Dezember 2002


»Gib jedem Instrument das, was es leiden kann, so hat der Spieler Lust, du hast Vergnügen dran.« G.Ph. Telemann


Weihnacht der Romantik, RIAS-Kammerchor, Uwe Gronostay, Harmonia Mundi, HMC 901794

Heuer boten Supermärkte schon im Oktober Weihnachtswaren an, der Weihnachtsschmuck für’s nächste Jahr muss von den Geschäften sogar schon im Jänner bestellt werden, wie die Inhaberin der renommierten Wiener Firma Rasper in einem Interview erzählte. So dreht sich das Konsumkarusell immer schneller und doch steht man als anspruchsvoller Musikliebhaber im Advent oft hilflos beim Musikspezialisten und weiss nicht, welche CD man kaufen soll, um sich und seine Lieben wenigstens ein paar vorweihnachtliche Minuten zu dekommerzialisieren.

Nach dem mehrmaligen Anhören der vorliegenden Einspielung scheint dieses Problem für heuer gelöst: Stimmschön, aber unaufdringlich, kunstvoll, aber schlicht, stimmungsvoll, aber bar jeglichen Kitsches singt der RIAS-Kammerchor weihnachtliche Chormusik der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Die Stücke von weniger bekannten bis hin zu sehr bekannten Komponisten - unter anderem von Bruch, Fuchs, Kienzl, Mendelssohn Bartholdy, Reger, Riedel, Silcher und Wüllner - stehen im romantischen Spannungsfeld zwischen volkstümlichem Choralsatz und motettischer Verarbeitung; alle einem zeitentrückten A-Capella-Geist folgend, dessen klangliche Sparsamkeit den Hörer im Vergleich zu orchestral verwässerter Festtags-Gebrauchsmusik unmittelbar in den Bann zieht. Sogar »Stille Nacht, heilige Nacht« erklingt in der Bearbeitung des geachteten Wiener Musikologen Eusebius Mandyczewski dermaßen wahrhaftig, dass es sich hier erfolgreich aus dem Würgegriff grenzenloser Vermarktung befreien kann.

Telemann, 5 Flötenkonzerte, Emmanuel Pahud, Berliner Barock Solisten, EMI, 7243 5 57397 2 8

Zwei Erstaufnahmen findet man auf dieser CD: Das Konzert für Flöte, Streicher und Basso continuo, G-Dur, TWV 51:G2 und das Konzert für 2 Flöten, Violone, Streicher und Basso continuo, a-moll, TWV 53:a1. Ersteres - sowohl für Oboe wie auch Traversflöte gedacht - stammt aus der Rostocker Universitätsbibliothek und bedurfte ausgiebiger Rekonstruktion, um die fehlenden Teile der durch Tintenfraß und mechanischer Beschädigung grausam entstellten Partitur zu ersetzen. Bei Zweiterem handelt es sich um ein relativ frühes Werk vor 1720 aus der Frankfurter Periode. Besonders reizvoll klingt daran der Kontrast zwischen einer samtig tiefen Violone und der Flöte. Mindestens so verlockend präsentiert sich das weich-brillante Widerspiel von Viola d’amore und Oboe d’amore mit der Flöte im E-Dur Konzert TWV 53:E1.

Die Berliner Barocksolisten spielen auf historischen, aber modern restaurierten Instrumenten mit Darmsaiten und Bögen aus unterschiedlichen Epochen. Ihr faszinierender Wohlklang liegt auf halbem Weg zwischen klassischer und alter Musik. Dem dürfte auch ihre interpretatorische Herkunft von den Berliner Philharmonikern entsprechen, belebt durch authentische Aufführungspraxis in Zusammenarbeit mit Nikolaus Harnoncourt, Philippe Herreweghe und John Eliot Gardiner. Es bereitet großes Vergnügen, dem Klang ihrer Violinen von Stradivari, Carcassi, Grancino, dalla Costa, Tononi und Testore im Kontrast zum genialen Flötisten Emmanuel Pahud zu lauschen. Eine wunderschöne Einspielung, die alle Facetten Telemann’scher Kunst zum Leuchten bringt und neben der nötigen Virtuosität vor allem die Ruhe der langsamen Sätze zelebriert.

Alessandro Scarlatti, Palandrana e Zamberlucco, Fortuno Ensemble, Roberto Cascio, Tactus, TC 661908

Noch eine Weltersteinspielung! Barbara Castri und Gastone Sarti verkörpern mit viel Elan in diesen drei Intermezzi Palandrana, eine alte Witwe und Zamberlucco, einen prahlerischen Wichtigtuer. Sehr interessant dazu liest sich die Kritik eines Liebhabers und Sammlers, des Bologneser Grafen Francesco Maria Zambeccari, der Alessandro Scarlattis Kompositionen und Opern als langatmig, mit zuviel Kontrapunkt als zu anspruchsvoll und für das durchschnittliche Theaterpublikum als zu wenig lustig beklagte. Die ausführenden Künstler müssten den technischen Schwierigkeiten zu viel Aufmerksamkeit schenken und hätten zuwenig Freiraum für persönliche Gestaltung.

Doch man lasse sich nicht täuschen, auch wenn diese Intermezzi nicht die überragende musikalische Vielfalt von Scarlattis Opernminiatur »Giardino di Amore« besitzen, sind sie anhörenswert und enden mit beeindruckendem musikalischen Schwung. Sehr schade ist nur, dass im Beiheft der CD keinerlei Übersetzung der italienischen Texte zu finden ist.

Ignacio Jerusalem, Musicisti italiani in archivi iberici, Ensemble Albalonga, Tactus, TC 701001

Die äußersten Grenzen neapolitanischer Opernmusik des Barocks reichten bis Mexico und Guatemala. Das Ensemble Albalonga unter der Leitung von Anìbal E. Cetrangolo belebt auf dieser Einspielung Stücke von Ignacio Jerusalem (1707-1769), Leonardo Leo (1694-1744) und Nicola Logroscino (1698-1765), die bis jetzt in den Archiven der Kathedrale von Guatemala schlummerten. Das Repertoire dieser Archive wird unter anderem vom Leiter dieses Ensembles nach den italienischen Regionen geordnet werden, aus denen die Komponisten stammten, am Anfang steht hier die Region Apulien und ihre Hauptstadt Bari. Eigenartiger Weise reisten weder Leo noch Logroscino zu Lebzeiten nach Amerika. Ihre für die Oper gedachten Kompositionen wurden später für liturgische Zwecke umgeschrieben - Liebesschmachten mutierte zu Christi Himmelfahrt und Anbetung der Jungfrau Maria.

Jerusalem allerdings, bis vor kurzem in Europa ziemlich unbekannt, transformierte seine eigenen Opernkompositionen und wurde dafür von einem der Begründer musikhistorischer Forschung in Amerika, Robert Stevenson, sogar als »Italian parvenu« beschimpft. Angeblich stammen Mitglieder seiner italienischen Familie sogar von Linzer (!) Juden ab - ein Beispiel für die damalige wunderbare Nationalitätenmixtur in Musikerkreisen. Der Komponist - später sogar Maestro di capella der Kathedrale von Mexico City - adaptierte seinen Kompositionsstil sehr erfolgreich für spanische Ohren, wie die charakteristischen Tonadillas erkennen lassen. Die Sänger und Sängerinnen dieser spannenden und vergnüglichen Einspielung, darunter Cristina Miatello und Fulvio Bettini, übertragen erfolgreich den Emotionsreichtum italienischer Oper in die auch rhythmisch so reichhaltige, mitreißende südamerikanische Kirchenmusik.

Missa Mexicana, The Harp Consort, Andrew Lawrence King, harmonia mundi, HMU 907293

Juan Gutierrez de Padilla wurde 1629 zum Maestro de capilla der Kathedrale Puebla de los Angeles nahe Mexico City ernannt. Bereits 1645 verfügte er - dank der großzügigen Förderung von Erzbischof Juan Palafox y Mendoza - mit über 40 Instrumentalisten und Sängern über das wohl beste Musikerensemble in den spanischen Kolonien. Die liturgische Musik bestand aus Messen, Motetten, Vespern, Psalmen, Passionen und Lamentationen. Die neu verfassten Villancicos erfreuten die Gläubigen mit populären Tanzrhythmen und lockten eine bunte ethnische Mischung aus der Alten und Neuen Welt, von spanischen Edelleuten und baskischen Bauern über Indios bis zu schwarzen Tänzern aus Puerto Rico und Cuba reichend, in die feierlichen Gottesdienste.

Im Zentrum dieser Einspielung steht Padillas Missa »Ego flos campi«. Sie basiert auf polyphoner spanischer Renaissance Musik des »siglo de oro« - dem goldenen Zeitalter - und vermählt sich höchst erfolgreich mit den Farben und Rhythmen Zentralamerikas. Andrew Lawrence King liefert hier keine trockene Rekonstruktion eines Gottesdienstes ab, sondern legt die tänzerischen Wurzeln der liturgischen Musik frei. Den Villancicos, Jácaras, Correntes, Cumbées und Marizápalos von Komponisten wie Escalada, de Murcia, de Vidales, Cererols, de Zavala und de Zéspedes stellt er jeweils die Teile der Messe gegenüber, die aus diesen Tänzen herauswuchsen. Wer wäre für dieses Projekt besser geeignet als der geniale Harfenist, Ensembleleiter und Dirigent, dessen rhythmische Finesse und musikalische Einfühlsamkeit nicht hoch genug gepriesen werden kann. Unterstützt wird Lawrence-King dabei von einem hochkarätigen Sängerensemble mit der Sopranistin Ellen Hargis an der Spitze, umrahmt vom fröhlichen Instrumentalklang mexikanischer Barockgitarren und Rhythmusinstrumente. Eine bemerkenswerte CD!

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