Franz Szabo
Jänner 2003
Wiener Konzerthaus, Resonanzen 2003, Vicente Martin y Soler, La capricciosa corretta, Les Talens Lyriques, Christophe Rousset
Der in Valencia geborene Vicente Martin y Soler hieß mit vollständigem Namen Atanasio Martín Ignacio Vicente Tadeo Francisco Pelegrín Martín y Soler. Ebendort sang er im Chor der Iglesia mayor, brachte es in Folge zum Organisten in Alicante und wechselte 1776, dem Rat Lorenzo da Pontes folgend, nach Italien, wo er bereits 1778 an der Mailänder Scala mit einem Ballett das Publikum begeisterte. Die meisten Libretti seiner Opern, mit denen er in diversen italienischen Städten Erfolge feierte, stammten von da Ponte, der übrigens 1824 Professor für italienische Literatur am Columbia College in New York wurde. Nach weiteren Opernerfolgen in Wien suchte Martin y Soler in St. Petersburg sein Glück, doch die Russen schätzten mehr den französischen Stil, der ihm nicht lag. Nach einem erfolgreichen Gastspiel in London, wo das Publikum La capricciosa corretta - auch die Schule der Eheleute genannt - begeistert feierte, starb der Komponist 1806 erfolglos und verarmt in St. Petersburg.
Wie man beim Eröffnungskonzert der Resonanzen hören konnte, bediente sich Soler in seinen 20 Opern doch recht einfacher musikalischer Strickmuster. Sowohl der Witz Rossinis, wie das Genie des Zeitgenossen Mozarts, der ihn mit einem Ausschnitt von »Una cosa rara ossia Bellezza ed onestà« in der Tafelmusik des Don Giovanni kurz zitierte, blieben ihm verwehrt. Das gepriesene Lachterzett »Vadasi via di qua«, das noch im 19. Jahrhundert ein gutes Dutzend Ausgaben erlebte, gehört zu den wenigen musikalischen Höhepunkten dieser Opera buffa.
Wenn man derartige, handwerklich sehr gut gemachte, Unterhaltungsmusik vergangener Zeiten heute erfolgreich wiederbeleben will, bleibt einem eigentlich nur der Weg einer farbenfrohen szenischen Inszenierung, wie sie Christophe Rousset auch am Theâtre Municpal de Lausanne in gleicher Sängerbesetzung dirigierte. So verblieb im Konzerthaus ein Geschmack des Bedauerns, wenn laut Libretto ein Protagonist dem anderen auf fünf Meter Distanz den Zettel entreisst, ohne dass dies auf der Bühne auch nur zu ahnen ist. Gerade ein mit blitzender Klinge geführter Geschlechterkrieg, in dem Ciprigna, die Dame des Hauses, ihren Ehegatten Bonario als verrückten Lümmel, alten Trottel oder Riesendummkopf beschimpft, verlangt nach drastischem mimischen und gestischen Witz, um das Amusement des Publikums zu garantieren, wie das auch seit Jahren bei den Donaufestspielen auf der Greinburg mit relativ geringem Finanzaufwand hervorragend gelingt.
Da Christophe Rousset diese Oper in den letzten Monaten mehrfach aufgeführt und für CD aufgenommen hat, stimmte der musikalische und sängerische Teil des Abends bis in jede Kleinigkeit. Die Sänger und Sängerinnen konnten ihre Partien auswendig singen, wobei die aparte dunkelhaarige Marguerite Krull, in zartestes Blau gekleidet, eine wunderbar kapriziöse und temperamentvolle Ciprigna gestaltete. Bei den Herren imponierte Enrique Baquerizo als ihr zumeist beleidigter Gatte Bonario mit kraftvollem Bariton und Josep-Miquel Ramon stellte den Diener Fiuta mit baritonal erlesener Stimmkultur dar, die man oft bei Jordi Savalls Konzerten bewundern kann. Der vielgerühmte Cembalist und Dirigent Christophe Rousset vermittelte seinem ausgezeichneten Ensemble Les Talens Lyriques gekonnt das theatralische Element der sich oft in prickelnd rasantem Schlagabtausch befindlichen Musik.
Mit geopolitisch kaum geplanter Aktualität stehen die Resonanzen 2003 unter dem Motto »Krieg und Frieden«, aber wenigstens war es hier in Österreich nur ein Ehekrieg, mit dem sie eröffnet wurden. Dennoch wünschte ich mir im großen Eröffnungskonzert nicht gerade einen Komponisten aus der Mozartzeit für DAS Festival der Alten Musik in Wien.
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