Franz Szabo
Mai 2004
Aufschnaiter, Serenades, LOrfeo Barockorchester, Michi Gaigg, cpo 999 457-2
Wagenseil, 5 Symphonies, LOrfeo Barockorchester, Gaigg, cpo 999 450-2
Michi Gaigg, Lorenz Duftschmid und Annegret Siedel vereint nicht nur außergewöhnliche Musikalität und Virtuosität auf einem Streichinstrument, sondern vor allem die intensive Pflege vergessener musikalischer Kostbarkeiten aus dem süddeutschen und österreichischen Kulturraum. Die Barockviolinspezialistin Annegret Siedel wird im Sommer im Stift Zwettl zu hören sein, der Weltklassegambist Lorenz Duftschmid lädt im September zur Woche der Alten Musik nach Krieglach und die solistisch das L'Orfeo Barockorchester leitende Violinvirtuosin Michi Gaigg wird sowohl zu Pfingsten bei den Barocktagen im Stift Melk konzertieren, wie auch bei den Donaufestwochen im Strudengau, deren Intendantin sie ist, in der Stiftskirche von Waldhausen.
Zur Einstimmung auf Gaiggs (H)Erzmusikantentum seien an dieser Stelle zwei CDs vorgestellt, die sie unter der Patronanz des WDR Köln und des SWR Stuttgart auf dem Label cpo eingespielt hat. Die erstere ist dem geborenen Kitzbühler Benedikt Anton Aufschnaiter (1665-1742) gewidmet, der einige Jahrzehnte am Hofe des Passauer Fürstbischofs als Dom- und Hofkapellmeister wirkte. Die langjährige Arbeit verlief nicht ohne Dissonanzen, denn Aufschnaiter war sich seines Wertes wohl bewusst und entgegnete Vorwürfen, er vernachlässige die Hofmusik und lasse das Orchester zurückgehen, mit selbstbewussten Zweifeln, ob die höfische Zuhörerschaft die Qualität seiner Kompositionen bemerken könne und bissigen Argumenten, dass überhaupt nur ein Geiger der Hofmusiker etwas tauge. Der hochproduktive Vielschreiber - in einem Jahr "ybr 400 musikalische Pögen" gemacht - scheint maßvoller Zwietracht auch musikalisch nicht abgeneigt gewesen zu sein, denn die hier eingespielten Serenaden stehen unter dem Motto "concors discordia", also einträchtiger Zwietracht. Vielleicht spielte er damit auf die Vereinigung zweier so unterschiedlicher musikalischer Welten an, wie der italienischen und französischen. Bereits Muffat, der bei Lully in Paris studiert hatte, vollzog diese Synthese in seinen Instrumentalmusiken, die Aufschnaiter bei ihm in Wien kennen lernte. So werden die mitreißenden, konzertanten Tanzfolgen mit solistischen Zwiesprachen von Geigen und Violoncello gewürzt. Pfeffrige Zwietracht für orchestrale Eintracht! Michi Gaig und L'Orfeo steigern die Klangpracht der ursprünglichen Streicherserenaden unter Einbeziehung einer reichhaltigen Bläserbesetzung mit Oboen, Fagott und Blockflöten, sowie einer erweiterten Basso continuo Besetzung mit Cembalo, Laute und Orgel, zu farbenfreudiger Barockpalette.
Zwei Generationen später komponierte der gebürtige Wiener Georg Christoph Wagenseil (1750-1777) als Hofkomponist und Hofklaviermeister - er unterrichtete auch Kaiserin Maria Theresia am Cembalo - 63 Sinfonien, deren meiste heute in über 300 Manuskripten und Druckausgaben in diversen europäischen und überseeischen Archiven zu finden sind. Vergangen und vergessen ist in seiner Musik die höfische Tanzwelt Versailles und des Sonnenkönigs, die Klangsprache ähnelt Händel und CPE Bach, wir befinden uns bereits in Haydns Welt am Hofe des Fürsten Esterházy. Der anerkannte Cembalo- und Opernkomponist Wagenseil schrieb hauptsächlich dreisätzige Opernsinfonien, deren melodische Substanz nie außergewöhnlich, ja manchmal sogar simpel gerät, aber mit ihrem rhetorisch wirkungsvollen Aufbau und der Kombination dramatischer Erzählelemente von perfektem Handwerk zeugt und immer charmante Unterhaltung des Publikums garantiert, das mit diesen Sinfonien auf die solistischen Hauptereignisse des Abends eingestimmt werden sollte. Ganz in diesem Sinn empfiehlt es sich auch nicht, die fünf Sinfonien der CD in einem "Aufwaschen" ins Ohr schwappen zu lassen, sondern ein eigenes Programm mit einer Konzertarie von Georg Friedrich Händel und vielleicht einem Cembalokonzert von Carl Philip Emmanuel Bach zu gestalten. Damit erweist man auch der unbeschwert fröhlichen Auffassung Michi Gaiggs, der es jedoch nirgends an interpretatorischer Präzision und Ernsthaftigkeit mangelt, dem knusprigen und gleichzeitig saftigen Orchesterklang, sowie der Spielfreude ihrer Ensemblemusiker - mit Annegret Siedel als Sologeigerin -, die rechte Reverenz. Sähe man jetzt auch noch die richtigen Beteiligten der jeweiligen Tonaufnahme auf dem Bild des Ensembles in den Beiheften, wäre das Glück des Rezensenten fast ungetrübt.
Alfonso Ferrabosco, Consort Music to the Viols in 4, 5 & 6 Parts, Hespèrion XXI, Jordi Savall, Alia Vox, AV 9832
Jordi Savall wird heuer zu Pfingsten erstmals bei den internationalen Barocktagen im Stift Melk musizieren. Im Kolomanisaal steht ein vorwiegend gambistischer Schwerpunkt mit Marin Marais und Louis Couperin am Programm. Immer noch ist Savall DER Übervater im Olymp der Gambe, wie auch die hier vorliegende Einspielung von Alfonso Ferrabosco des Jüngeren Consort Musik eindringlich beweist. Zusammen mit Sergi Casademunt, Imke David, Lorenz Duftschmid, Philippe Pierlot und Sophie Watillon ist eine wahrhaft musikgöttliche Runde versammelt, die das polyphone Wogen und Wallen von Ferraboscos Harmonien monumental gestaltet und formt. Seine Consort-Fantasien und stilisierten Tänze, wie die Dovehouse Pavan, verflechten mehrere gleichberechtigte Stimmen von reicher melodischer Vielfalt in intensiver rhythmischer Konzentration, die auch am musikalisch so blühenden Englischen Königshof ihresgleichen suchte und dementsprechend über viele Jahre hinweg imitiert wurde. Königin Elisabeth I. fand in der Consortmusik nämlich nicht nur musikästhetische, sondern vor allem Reize höfisch geselliger Natur. Davon ist natürlich auf dieser CD nur mehr wenig zu erahnen, dafür scheint der Wohlklang der hier vereinten Meistergambisten nicht mehr zu übertreffen.
J.S. Bach, H-Moll Messe, Cantus Cölln, Konrad Junghänel, harmonia mundi, HMC 801813.14
Auch Konrad Junghänel wird mit dem Cantus Cölln und dem Concerto Palatino bei den heurigen Pfingstkonzerten in Melk vertreten sein. Auf dem Programm steht Johann Rosenmüllers Vespro della beata vergine – ein Gegenstück zu Monteverdis berühmter Marienvesper. Bei harmonia mundi hat Junghänel Bachs H-Moll-Messe eingespielt, die man ohne Übertreibung als Opus summum und ultimum in dessen Riesenwerk bezeichnen darf. Es erfordert für Interpreten, und vor allem für Dirigenten seines Musikkosmos, viele Jahre intensive Arbeit, ein entsprechendes Idiom zu entwickeln – eine persönliche Sprache – die Bachs Intentionen erfolgreich in die Zeit der Interpretation rückt. Karl Richter, Philippe Herreweghe und Ton Koopman haben zum Beispiel ihren Weg erfolgreich gefunden und es schmälert dessen Wert nicht im geringsten, wenn sich die Kritik manchmal daran reibt.
Konrad Junghänel befindet sich noch auf der Suche, wie zum Beispiel die solistische Besetzung mit zehn Sängern zeigt, eine Novität, deren Rechtfertigung er in der klaren Durchleuchtung komplizierter kontrapunktischer Satzweise sieht. Leider ist für dieses anspruchsvolle Vorhaben die Qualität der Sänger nicht immer ausreichend homogen und schwankt doch beträchtlich, wobei vor allem im Bassbereich Mängel zu hören sind. Dafür erfreuen Johanna Koslowski und Elisabeth Popien den Hörer mit vorzüglichen Leistungen. Trotz der sängerischen Inkonsistenz handelt es sich um eine hörenswerte Einspielung, die immer wieder wunderschöne Momente innigen Musizierens beschert – man achte zum Beispiel auf Marcello Gattis herrliches Flötenspiel.
J. Held, Nach Willen Dein, Deutsche Lautenmusik der Renaissance, ORF CD 354
In dem deutschen Lautenisten Joachim Held scheint ein Nachfolger für Hopkinson Smith heranzureifen. Mit überragender Technik, lucider Klarheit des Spiels und einer außergewöhnlichen Imaginationskraft der Interpretation leuchtet in seiner Aufnahme deutscher Lautenmusik der Renaissance ein Dreigestirn lautenistischer Tugenden. 1963 in Hamburg geboren studierte er an der Schola Cantorum Basiliensis bei Eugen Dombois und Hopkinson Smith. Nach einem Lehrauftrag an der Musikhochschule Heidelberg/Mannheim unterrichtet er seit 1997 am Konservatorium in Hamburg. Seine reichhaltige Konzerttätigkeit umfasst Zusammenarbeit mit R. Jacobs, N. Harnoncourt, R. Alessandrini und G. Antonini.
Der Hauptteil der CD ist dem 1508 in Pressburg geborenen Hans Newsidler gewidmet, der in Nürnberg mit der Veröffentlichung von acht Tabulaturbüchern – in deutscher Tabulatur geschrieben –, welche die gesamte Breite lautenistischer Kunst vom Anfänger bis zum Virtuosen umspannen, lange vergessenen aber unsterblichen Ruhm am Lautenhimmel erlangte. Es folgen Werke des um 1450 in Schwäbisch-Gmünd geborenen Hans Judenkünig, der, von der franko-flämischen Schule beeinflusst, zwei der ersten deutschen Lautentabulaturen verfasste. Weiters von Arnolt Schlick und Simon Gintzler, die sich alle der schwierigen deutschen, vom blinden Organisten Conrad Paumann erfundenen, Tabulatur bedienten, welche jedem Platz auf dem Griffbrett eine eigene Zahl oder Zeichen zuordnet.
Auch lautenistisch nicht besonders interessierte Hörer sollten sich diese Musik einmal an einem stillen Abend anhören, um einen Blick vom musikalischen Inhalt der putzigen Stuben in den alten Nürnberger Bürgerhäusern zu erhaschen.
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